Das in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen und des wachsenden globalen Einflusses wegen gesteigerte Interesse an China erfordert vor allem auch die Auseinandersetzung mit gravierenden Kultur- und Mentalitätsunterschieden. Stellt sich oft die Frage, wie sich ein Mensch westlichen Ursprungs in China zurechtfinden und orientieren kann, so geht es im vorliegenden Werk darum, wie sich Personen chinesischer Abstammung in westlicher geprägter Umgebung – konkret in der Schweiz – ihr Leben einrichten und wahrnehmen.

Die Autorin Wei Zhang, selbst Chinesin und seit 16 Jahren mit ihrem Schweizer Mann als Übersetzerin in der Schweiz lebend, hat in ihrem Buch 21 Interviews mit Landsleuten gesammelt, die ebenfalls als so genannte »Überseechinesen« mit unterschiedlicher Herkunft (Festland-China, Taiwan, Singapur etc.) seit vielen Jahren in der Schweiz leben. Dem Leser werden in diesem Portraitpotpourri Einblicke in deren verschiedene Lebens- und Denkwelten gewährt, die zum Teil stark divergieren aufgrund unterschiedlicher Bildungsniveaus, Charaktere oder anderer Vorerfahrungen und dennoch immer wieder Parallelen aufweisen, die in der Basis der ihnen gemeinsamen Wertesysteme wurzeln. Da steht ignorantes bis arrogantes Überlegenheitsgefühl neben teilweiser Akzeptanz und fast vollständiger Integration. Das Schweizerdeutsch erweist sich als besondere Hürde auf dem Weg der Eingliederung in eine Gesellschaft, die oft als unnahbar und kalt empfunden wird, was auf Seiten derer, die ins Land kommen, Rückzug und Abschottung zur Folge hat.

Trotz einer – angesichts des Vorurteils »chinesischer Zurückhaltung« – überraschenden Offenheit entsteht ab und zu der Eindruck der Beschönigung und Zurechtrückung, die von Roland Altenburger in seinem Nachwort als »nur allzumenschlich« hinsichtlich der Veröffentlichung milde bewertet wird. Gerade in dem Verzerrten und zwischen den Zeilen Wahrzunehmenden spiegeln sich vielleicht am deutlichsten einige Eigenarten chinesischer Tradition, die keinen Gesichtsverlust zugunsten von Authentizität in Kauf nehmen würde. Ob die jeweilige Lebensgeschichte deshalb in immer wieder recht holprigem und grammatikalisch falschem Deutsch belassen wurde, um von dieser Warte aus den Eindruck des Authentischen zu unterstreichen, bleibt offen. Der Umstand, dass viele der in die Schweiz oder den Westen immigrierten Chinesen nicht mehr in ihrer Heimat zurückgehen, spricht für sich und steht dem chinesischen Sprichwort entgegen, in dem es heißt: »Das vom Baum gefallene Blatt kehrt zur Wurzel zurück.«

Judith Suchanek