In diesem relativ philosophiefernen Band kommen viele Aspekte zur Diskussion, die für interkulturelles Philosophieren relevant sind. Dabei geht es um die Frage, was kulturelle Artefakte sind, wieso sie zu schützen sind und wie das geschehen kann. Dass Kulturgüter besondere Erinnerung und Aufmerksamkeit erfordern, ist relativ neu und an die Neuzeit bzw. an die Entstehung von Nationalstaaten gebunden. Nationalstaaten entwickeln sich zu Demokratien, in welchen Individualisierungsprozesse stattfinden. Dies hat zur Folge, dass Demokratien für ihre Bürger verschiedene Identifikationsmöglichkeiten bereitstellen müssen. Kulturgüter erfüllen diese Funktion. Die Bezeichnungspraktiken und die Auszeichnung bestimmter Kulturgüter als Kulturerbe impliziert immer auch eine Dominanz gewisser Strömungen, gesellschaftlicher Gruppen und kultureller Produktionen. Mit einer Auszeichnung als Kulturerbe werden Geschichts- und Gemeinschaftskonstruktionen realisiert und legitimiert, und damit wird auch Kultur definiert – nicht nur im Sinne einer herrschenden Kultur, sondern auch im Sinn der Dynamik und Veränderbarkeit von Kulturen.

Daher beschäftigen sich die Beiträge dieses Bandes mit Fragen, wie und aufgrund welcher Kriterien Gruppen dazu legitimiert werden, etwas zu ihrem kulturellen Erbe zu erklären, welche Interessen dahinter stehen könnten und welcher Kulturbegriff damit produziert wird. Die Beiträge gehen zurück auf einen Kongress der österreichischen Akademie der Wissenschaften, der in Kooperation mit der UNESCO-Kommission zum Thema »Orte des Gedächtnisses« durchgeführt wurde. Die Autoren kommen aus den verschiedensten Disziplinen, unter anderem Architektur, (Kunst-)Geschichte, Geschichts-, Literatur- und Kulturwissenschaften sowie Philosophie. Der Band ist in drei Teile aufgeteilt. Nach einem Theorieteil (Positionen) werden Debatten aus den verschiedenen Medienbereichen dargestellt; dabei geht es besonders um die Frage einer Neudefinition des Kulturbegriffs, um auch Medien- oder Musikproduktionen als kulturelles Erbe zu definieren. Der dritte Teil ist mit »Schauplätze« überschrieben und enthält die Konkretisierung der Debatte zur Frage des Kulturerbes. Interessant ist, dass gerade in diesem letzteren Teil ein Widerstreit deutlich wird, ob nämlich die Auszeichnung von Artefakten als Kulturerbe tatsächlich zu ihrem Erhalt beitrage oder ob die fast notwendig damit verbundenen Folgen wie Vermarktung und Kommerzialisierung von Kulturerbe nicht auch eine materielle und mentale Zerstörung oder andere nachteilige Veränderung nach sich ziehe. Aus der Perspektive der interkulturellen Philosophie ist ferner der Beitrag von Anil Bhatta zum kolonialen Diskurs und zu entsprechenden Orten des Gedächtnisses lesenswert, denn aus der Perspektive der kolonialisierten Länder stellt sich die Frage nach der Definitionsmacht von Kultur und kulturellem Erbe in einer doppelten Brisanz.

Nausikaa Schirilla