Versetzen Sie sich in folgende Situation: Abschlussprüfung in Philosophie. Sie treten vor die Prüfungskommission. Erste Frage: »Verschwinden unsere Leidenschaften und Affekte, wenn wir deren Ursachen kennen?« Baruch de Spinoza stellt diese Frage. Aristoteles, der neben ihm sitzt, lächelt verschmitzt. Sören Kierkegaard, drittes Mitglied der Prüfungskommission, macht sich Notizen.

In eine solche Situation fühlt sich der Leser von Kolakowskis neuem Buch versetzt: Verf. porträtiert 30 Philosophen anhand ausgewählter Grundlinien ihres Denkens. Die Porträtreihe beginnt mit Sokrates und schließt bei Jaspers. Jede Darstellung endet mit drei Fragen, die der porträtierte Philosoph an die heutige Leserschaft stellt.

Kolakowskis Buch ist keine Philosophiegeschichte und kein Nachschlagewerk. Weder Vollständigkeit noch eine ausgewogene Diskussion mit pro- und contra-Argumenten wird beansprucht. Wie sollte dies bei 30 philosophischen Gedankengebäuden auf knapp 240 Seiten auch möglich sein? Dass es notgedrungener Maßen zu Verzerrungen und Vereinfachungen kommt, sollte der philosophisch gebildete Leser Kolakowski daher nicht ankreiden. Vielmehr ist dem Bemühen des Autors Anerkennung zu zollen, Fragen herauszudestillieren, die im Laufe der Philosophiegeschichte aufgeworfen wurden, bis dato nicht eindeutig geklärt, aber weiterhin wichtig sind (vgl. S. 7). Das Buch will die Leserschaft anregen, sich mit philosophischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Es versucht aufzuzeigen, dass bestimmte philosophische Fragen, und mögen sie vor noch so vielen Jahrhunderten zum ersten Mal formuliert worden sein, nichts von ihrer Schärfe eingebüßt haben. Noch immer reichen sie tief in das Denken und Leben eines jeden einzelnen von uns hinein – wenn wir bereit sind, uns auf diese Fragen einzulassen!

Kolakowskis Auswahl der Philosophen und die Darstellung ihres Denkens ist aus einer persönlichen Sicht geschrieben. Probleme der Ethik und Religionsphilosophie nehmen eine Vorrangstellung ein. Manch einer mag Wittgenstein in Kolakowskis philosophischer Galerie vermissen, ebenso Marx oder einen Vertreter der analytischen Philosophie und des amerikanischen Pragmatismus. Kolakowski weist darauf hin, eine persönliche Auswahl getroffen zu haben: Da er noch immer nicht verstanden habe, was Wittgenstein eigentlich sagen wollte, sei er nicht in seine Liste aufgenommen worden. Sollte jemand aus der Leserschaft allerdings seinen »großen« Philosophen vermissen, dem rate ich, sich nicht über Kolakoswkis Auswahlkriterien zu ärgern, sondern sich einfach zu fragen: »Was hätte mein großer Philosoph, meine große Philosophin wohl mich gefragt?« Wenn der Leser/die Leserin dieses Buches sich diese Frage stellt, dann dürfte Kolakowski zufrieden sein: Sein Hauptanliegen ist damit beim Leser angekommen.

Georg Gasser