An einer Wand hängt ein Hirschgeweih. Darunter ein kleines Plakat, verfasst in gotischer Schrift, mit folgendem Text: »Ich bin stolz auf meine Herkunft. Bekenne dich zu deiner Identität. Bekenne dich zur 800-jährigen Geschichte deiner Ahnen. Zur Sprache. Zur Kultur. Zu den Traditionen.« Daneben das slowakische Wappen. Dieses Bild hat Kurt Kaindl im Lokal des Karpatendeutschen Vereins im Norden der Slowakei aufgenommen. Ein paar Seiten weiter: Das Bild eines lehmigen Dorfplatzes, im Zentrum ein einfaches Holzkreuz, an dem ein Bub lehnt und zum Gruß die Hand erhoben hält. Davor steht ein Mädchen im selben Alter und lacht in die Kamera. Die beiden Kinder haben viel zu große, schmutzige Kleider an. Slumhütten umgeben sie, aus Wellblech und Holzlatten gezimmerte Verschläge. Man hält es nicht für möglich, dass es sich bei diesen beiden Fotos um ein- und denselben Kontinent handelt. Und doch sind diese beiden Wirklichkeiten nur ca. 100 km weit voneinander entfernt.

Es macht die Besonderheit dieses Buches aus, auf 144 Seiten Minderheiten in Mittel- und Osteuropa vorzustellen, deren Existenz kaum bekannt ist. Assyrer, Memeldeutsche, Tataren, Zipser, Degesi, Zimbern, Schwarzmeerdeutsche … Kurt Kaindl und Karl-Markus Gauß sind ihnen gemeinsam auf die Spur gekommen. Daraus entstand ein Fotoband mit erläuternden Texten zu den Orten und Menschen, die die beiden Autoren besuchten. Die Bilder erlauben einen persönlichen Blick auf die Menschen und die Geschichten, die sie erzählen, ohne dabei voyeuristisch oder exotisierend zu sein. Die Kamera fängt ganz alltägliche Momente ein, aus denen Bilder entstehen, deren Ästhetik durch die Ausgewogenheit der Komposition besticht.

Immer wieder wird der Frage nachgegangen: Was konstituiert eine Identität? Historische Umstände und der politische Kontext werden dabei nicht ausgelassen. »Im ›Dorf der 40 Tataren‹ trafen wir auf lauter Hinterwäldler, von denen ein jeder mindestens vier Sprachen beherrschte, Litauisch, Russisch, Weißrussisch und Polnisch. Tatarisch aber konnte keiner mehr. Was denn das Tatarische an ihnen sei, fragten wir verwundert eine junge Frau […]. ›Nun‹, sagte sie, verwundert über so viel Unwissen, ›dass wir im Unterschied zu allen anderen Litauern Muslime sind, natürlich‹« (S. 27).

Das Buch leistet einen Beitrag zum Sichtbarmachen von Minderheiten in Europa, die bis jetzt kaum wahrgenommen wurden, und zeigt gleichzeitig Ungerechtigkeiten und Missstände auf, die man in einem Europa des 21. Jahrhunderts nicht für möglich hält.

Julia Sonnleitner