Was es bedeutet, wenn die kulturelle Identität beeinträchtigt, ja regelrecht zerstört ist – und mit ihr das soziale Leben, das menschliche Vertrauen und die Offenheit gegenüber »den Anderen« –, schildert vorliegender Roman. Verf., der als Reporter in vielen Krisengebieten der Welt im Einsatz ist, zeichnet anhand des Schicksals einer Familie, die von Bedrohung, Folter und dem »Verschwinden« einiger ihrer Mitglieder betroffen ist, das Bild der gegenwärtigen Situation im Irak aus der Sicht eines Schiiten. Am Anfang der Erzählung steht eine Szene am Rand eines Massengrabes: Haydar hat soeben die Überreste seiner Mutter entdeckt, die zusammen mit seinem Bruder Ali vor zwölf Jahren von der Polizei mitgenommen wurde. »Der Polizei des Staates Irak geht niemand verloren« (S. 80) – diese zynisch-doppeldeutige Auskunft erhält Haydars Vater, als er nach seiner Frau und seinem Sohn fragt. Ohne eine ausführliche Handlung zu erzählen, beleuchtet dieser Roman in Vor- und Rückblenden, in Dialogen und Selbstgesprächen, mittels Tagebuchnotizen und Grundsatzüberlegungen eine gesellschaftliche Situation, die in Folge einer gnadenlosen Diktatur sowie einer militärischen Invasion, die als »Befreiung« vorgestellt wurde, total desolat geworden ist. »Sie haben uns befreit, zunächst«, sagt Haydar zu seinem Freund über die US-Amerikaner, »aber dann haben sie doch nur unser Land besetzt. Was für eine Befreiung ist das auch: die Befreiung von Verwandten, von der Selbstbestimmung, von Freunden, von Strom und Benzin, wir sind vom eigenen Land befreit, und weißt du noch, wie gierig wir auf die Befreiung gewartet haben« (S. 197)?

Zwar wird die erfahrene Trostlosigkeit immer wieder unterbrochen von unverhofften Freuden und Ablenkungen, und auch die gelegentlichen Treffen mit Leila, einer Sunnitin, mit der Haydar eine leidenschaftliche, aber kulturell/religiös »unmögliche« Liebe verbindet, vermitteln etwas Hoffnungsvolles; aber letztlich gerät alles in den Sog des Misstrauens und der Gewalt, denn: »Dieses Land ist ein Land, in dem seit achtzig Jahren niemand niemandem glaubt, weil Umsturz stets auf Verrat und neuer Verrat auf jede Regierungsbildung folgte; weil Spitzel jedes Zitat weitertrugen […]. ›Die Kurden ruinieren uns.‹ ›Die Schiiten verbünden sich mit den Juden gegen uns.‹ ›Wir müssen uns schützen‹« (S. 236). Der Kampf ums Überleben hat gleichsam alle intellektuellen und solidarischen Kräfte der Menschen gebunden: »Das Interesse an dem, was wir ›Aufklärung‹ nennen, ist nie so groß wie die Sehnsucht nach dem, was für sie ›Normalität‹ heißt« (S. 191). Und das bedeutet auch: »[…] die Schiiten im Süden denken nicht an die Kurden im Norden und schon gar nicht an sunnitische Opfer, sondern an das, was Schiiten angetan wurde. Opfer solidarisieren sich nicht mit anderen Opfern, Opfer konkurrieren um Anerkennung. Opfer sind immer narzisstisch« (S. 215).

Am Schluss wird Haydar selbst Opfer eines Attentates. Eine bedrückende Geschichte findet ihr Ende – nicht aber, um die geschilderte Problematik bloß zu »bedauern«, sondern um über größere Zusammenhänge (und Veränderungsmöglichkeiten?) nachzudenken. »Man kann an jedem Tag und im Norden wie im Süden ahnen, was in diesem Land möglich wäre, mit diesem Reichtum an Öl, mit dieser Geschichte, dieser Lage. Was für eine Kultur es haben könnte, wenn seine letzten Werte und Ziele nicht Abgrenzung und die Sicherung von Besitz wären. Wenn es den Einzelnen um das ginge, was sie für sich selbst und auch im Sinne der Gesellschaft für sinnvoll halten – es wäre ein anderes Land. Aber dann wäre vermutlich jedes Land der Welt anders« (S. 231).

Franz Gmainer-Pranzl