Vorliegende Aufsatzsammlung des emeritierten Hannah Arendt-Professors der Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Rutgers (New Jersey, USA) behandelt mit Blick auf gesellschaftliche und politische Krisen des 20. Jahrhunderts Themen, von denen einige auch für den Diskurs interkulturellen Philosophierens von Interesse sind.

Dies betrifft zum einen eher wissenschaftstheoretische Fragestellungen wie etwa die Auseinandersetzung mit der These von C. Mills, dass »kulturelle Ereignisse« darin bestünden, »Kommunikationssymbole zu erleben, die durch die herrschende institutionelle Ordnung gefiltert sind. Herrschende kulturelle Einrichtungen entwickeln sich durch einen freiwilligen Austausch zwischen Kulturarbeitern und herrschender Elite. Das gemeinsame Austauschmedium ist Prestige« (S. 35). Interessant sind weiters die Analysen der »Ideologie der Ethnizität«, die – so Verf. – Elemente des »klassischen Liberalismus« einbezieht, denn dieser »rückt eher den Pluralismus der Kulturen und die unterschiedlichen Kulturen als den sozialen Wandel und die soziale Aktion als Problem in den Vordergrund« (S. 74). Die Betonung ethnischer Identität sei Ausdruck eines Wandels des sozialen Bewusstseins, das »einer von der Klasse geprägten Perspektive für die gesellschaftliche Wirklichkeit müde geworden ist«, und habe eine »Rückkehr zur Zuordnungsgesellschaft« (S. 75) zur Folge. Zum anderen setzt sich Verf. mit konkreten politischen Entwicklungen auseinander wie etwa mit der Emigration deutscher Sozialwissenschaftler 1933-1945. Eine Analyse der politischen und gesellschaftlichen Radikalisierung der dreißiger Jahre zeige, »dass die Emigration deutsch-jüdischer Gelehrter nicht die Ursache, sondern die Folge des Zusammenbruchs der Sozialwissenschaft als eigenständiger kultureller Praxis in Deutschland gewesen ist« (S. 53). In diesem Zusammenhang lässt Verf. auch den – oft als »Austromarxisten« abgestempelten – Politikern Gerechtigkeit widerfahren: »In einer Atmosphäre, in der sie von den Sowjets als ideologische Vorreiter des Revisionismus verunglimpft, von den anglo-amerikanischen Ökonomen ignoriert wurden, weil sie sich angeblich lieber mit ökonomischen Fossilien als mit der Konstruktion von Modellen der realen Welt beschäftigten, wurden die österreichischen Marxisten […] meist entweder vom Osten als Anti-Leninisten angeprangert oder vom Westen zu Anti-Keynesianern abgewertet. An beiden Kritikpunkten war etwas Wahres; sie dienten aber lediglich dazu, diese Gruppe an ihre Marginalität und gar an ihren jüdischen Kosmopolitismus zu erinnern« (S. 56).

Nicht zuletzt ist auf die Reflexion des Phänomens »Genozid« hinzuweisen, das Verf. – in scharfer Abhebung von der »natürlichen« Ursachenforschung etwa der Epidemieforschung – als soziales und kollektives Ereignis charakterisiert: »Genozid war selektiv und systematisch, nicht individuell und willkürlich« (S. 98). Dazu kommt, dass ein (tatsächlicher) Genozid »sowohl endgültig wie auch begrenzt ist« (S. 107), also zu »unumkehrbaren« Ergebnissen führt: zur Tötung unschuldiger Menschen. »Umkehrbar« ist hingegen der »symbolische oder kulturelle Genozid« (ebd.), der an verschiedenen Völkern begangen wurde und wird (Verf. weist etwa auf die japanische Besatzung in Korea 1910-1945 hin), aber zeitlich begrenzt und – wenn auch unter politischem Druck – revidierbar ist.

Als sozialwissenschaftliche Unterfütterung (nicht nur) interkulturellen Philosophierens gibt dieser Band von Irving Louis Horowitz bedenkenswerte und durchaus »nicht-trendige« Gedankenanstöße.

Franz Gmainer-Pranzl