Claire Horst stellt in dieser Arbeit eine geglückte Verbindung zwischen Literaturwissenschaft, postcolonial studies, Frauen- und Migrationsforschung her. Die Autorinnen der drei untersuchten Texte haben alle einen Migrationshintergrund und schreiben auf Deutsch. Ihre eigenen Lebenserfahrungen als Migrantinnen machte sie wachsam gegenüber dem Umgang mit Raum. Daher ist es besonders aufschlussreich, sich bei der Suche nach der Darstellung von Raum in der Literatur mit jenen Texten zu beschäftigen, die mit der Überschreitung von Räumen zu tun haben.. Horst stellt sich entschieden gegen eine Minorisierung der Migrationsliteratur. Sie argumentiert, dass der Migrationsliteratur durch Exotisierung meist nur eine Nischenstellung zugebilligt wird, wo ihr eine Anerkennung im deutschsprachigen Literaturkanon zusteht. Die wissenschaftliche Fragestellung, die sich durch alle drei Texte zieht, ist folgende: Wie wird Raum als solcher dargestellt, und wie gehen die Protagonisten/innen mit ihm um? Dabei stellt sich heraus, dass die handelnden Personen unterschiedliche Strategien anwenden, um sich den Raum anzueignen. Zudem werden sie in ihren Handlungsspielräumen durch Fremdzuschreibungen oder Kontrolle oftmals eingeschränkt.

Der Aufbau der Arbeit folgt drei Einzelanalysen und einem zusammenfassenden Schlusswort. In Breznas Schuppenhaut werden durch die Zuschreibungen der Protagonistin klare Grenzen zwischen den Räumen und Kategorien der Mehrheit und der Minderheit gezogen. Sie schafft es zwar, diese Grenzen zeitweise zu überschreiten, bleibt jedoch in ihren Zuschreibungen verhaftet. Ganz anders gestaltet sich die Überschreitung von Räumen und Grenzen in Özdamars Die Brücke vom goldenen Horn. Der Hauptfigur gelingt es, sich über Beschränkungen ihres Handlungsspielraumes hinwegzusetzen. Sie unterwandert starre Dichotomien wie türkisch-deutsch, männlicher oder weiblicher Aktionsraum und schafft sich dadurch einen Freiraum, den Homi Bhabha als den »dritten Raum« bezeichnet. Durch das Schauspielen schafft sie es, vermittels ihres Körpers in Kontakt zur Welt zu treten. Im Gegensatz dazu wird der Protagonist in Moníkovás Der Taumel in seiner Bewegungsfreiheit durch den autoritären Staat (der Schauplatz ist das Prag der 1970er Jahre) stark eingeschränkt. Er verzichtet durch die ständige Überwachung auf Raumgestaltung, seine körperliche Ohnmacht drückt sich in epileptischen Anfällen aus. In diesem Buch arbeitet Horst jenes emanzipatorische Potenzial heraus, durch das die Figuren im Umgang mit dem Raum zu ihrer Identität finden.

Julia Sonnleitner