In der philosophischen interkulturellen Debatte werden vielfach Aspekte der Rezeption von Anderen betrachtet und diskutiert, weshalb es nahe liegt, sich einem Philosophen zuzuwenden, in dessen Denken der/die Andere einen zentralen Stellenwert hat. Kann Levinas’ Konzeption des Anderen ein Vorbild, ein Muster oder eine Folie darstellen für eine Theorie vom kulturell Anderen? Um es vorweg zu sagen: Zumindest in der Darstellung Levinas’, wie sie uns von Volzogen gibt, muss die Frage verneint werden. In seiner Lesart würden alle Versuche, Levinas »anzuwenden«, also direkte ethische Konsequenzen aus dessen Denken zu ziehen, unter die Kategorie »Erbauliches« subsumiert werden und damit auf die Seite der Missverständnisse des Levinasschen Denkens geschlagen werden. Levinas, so von Wolzogen, entwickelt eine asymmetrische Ethik, die aller Normativität vorausgeht und nicht für ein ethisches Modell selbst steht und auch nicht dazu entwickelt werden kann. Dennoch bietet die Levinasrezeption von Wolzogens viele Anregungen für die interkulturelle Philosophie; sie betreffen vor allem die Inspiration, die Levinas aus der religiösen Tradition des Judentums erhalten hat. Dass Levinas auch in dieser Tradition zu sehen ist, zeigt von Wolzogen an zahlreichen Beispielen der Levinasschen Werke. Wolzogens Arbeit lässt sich in zwei Bewegungen beschreiben: zum einen nähert er sich dem Verständnis des Anderen bei Levinas an und klärt das Verhältnis dieser Ansätze zur Ethik; zum anderen beschreibt er Quellen der Levinasschen Philosophie und sieht die Vorläufer nicht nur bei Hegel, Husserl und Heidegger, sondern auch bei jüdisch inspirierten Philosophen wie u. a. Hermann Cohen.

Ausgangspunkt für die asymmetrische Ethik ist das Verständnis des Menschen in seinem Verhältnis zum Anderen, nämlich die unüberwindbare Gebundenheit an den Anderen und das Getrenntsein von ihm. Dies ist eine allem Normativen und damit allem moralischen Urteilen völlig vorgängige Erfahrung. Levinas, so von Wolzogen, entwickelt keine Ethik, sondern beschreibt eine Situation, aus der Ethik entspringt, die eben asymmetrisch ist. In der Rezeption der Quellen dieses Denkens werden Erkenntnisse zu den Quellen von Philosophie überhaupt deutlich, die in einem interkulturellen Kontext sehr interessant sind. Dies betrifft das Verhältnis von Religion oder Mythen und Philosophie, wie es oft vor allem in der Rezeption buddhistischer oder auch islamischer Philosophie zum Tragen kommt. Von Wolzogen betont die Zentralität der Frage der Übergänge zwischen dem Logischen und dem Ethischen und kommt zum Schluss, dass für Levinas verschiedene Quellen von Erkenntnis bestehen, aber keine dieser unterschiedlichen Quellen privilegiert werden dürfe, dass also das Logische nicht über das Ethische bzw. Philosophische zu gebieten habe. Cohen wie Levinas gehen davon aus, dass die Quellen der Religion (d. h. die Heiligen Texte) wie die Geschichte der Philosophie »gleichberechtigte, aber getrennte Quellen von Sinn darstellen, so dass Religion durchaus nicht in Konkurrenz mit der Vernunft stehen muss, sondern rational gerechtfertigt werden kann, ohne doch in einen bloßen ›Vernunftglauben‹ zu münden« (S. 180). Hier wird eine Perspektive angedeutet, die das Buch und damit auch Levinas in interkultureller Hinsicht lesenswert macht und zum Weiterdenken motiviert.

Nausikaa Schirilla