Der aus Belgien stammende Kommunikations- und Medienwissenschaftler Armand Mattelart hält in diesem schmalen Band ein Plädoyer für die Vielfalt der Kulturen, die seiner Ansicht nach durch den Prozess der Globalisierung, wie er sich derzeit vollzieht, massiv bedroht ist. Bereits der Umschlag der deutschen Ausgabe des Büchleins, der eine Verfremdung von Delacroixs berühmten Revolutionsbild zeigt, in dem die Figur der fahnenschwingenden Freiheit durch Dagobert Duck ersetzt wird, weist darauf hin, wo der primäre Ursprung dieser Gefahr gesehen wird: in einer zunehmenden Ökonomisierung von Kultur und deren Auslieferung an einen liberalisierten Weltmarkt.

Zunächst nähert sich der Essay den Themen Universalität und Einheit an, ausgehend von der Französischen Revolution über das Kolonialzeitalter bis hin zu den Ursprüngen moderner Globalisierung, und zeigt dabei die durchgängige Tendenz Europas und der USA zum Imperialismus auf. Weist der Autor darauf hin, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine zunehmende »kulturelle« Konkurrenz zwischen Europa und den USA zeigt, geht es ihm nicht nur um das Bestreben der Nationalstaaten, »die Bilderproduktion unter Kontrolle zu halten« – in Anspielung auf die Filmindustrie –, sondern auch um den Wettstreit zweier grundsätzlich gegenläufiger Auffassungen im Hinblick auf kulturelle Vielfalt. Die eine vertritt die Ansicht, dass ein freies und möglichst breites Angebot kultureller Produktion Vielfalt gewähre, die andere geht von einer Schutz- und Kontrollfunktion des Staates für Kultur aus, die der Nivellierung wehren muss. Was dies konkret bedeutet, wird vor allem anhand der Filmindustrien und Filmkulturen in Europa und in Übersee expliziert, wobei die Argumentation immer stärker in Richtung heftiger Kritik am US-amerikanischen Kulturimperialismus geht. Das letzte Drittel des Büchleins widmet sich der Darstellung von Bemühungen im Rahmen der EU und der UNESCO, Kultur als einen Sonderbereich zu definieren, der nicht der Logik des Marktes und des freien Warenverkehrs unterworfen werden darf. Solche Bemühungen, aber auch deren weitgehendes Scheitern, zeigen sich etwa im Widerstand gegen die Einbeziehung von Dienstleistungen in das multilaterale Investitionsabkommen MAI, wobei bereits fragwürdig ist, ob Kulturleistungen in ihrer Bedeutung erfasst werden können, wenn man sie nur als (handelbare) Dienstleistung versteht. Kultur ist für Mattelart schlicht ein öffentliches Gut, zu dessen Bereitstellung der Markt bekanntermaßen schlecht taugt. Woran die Argumentation bei aller berechtigten Kritik ein wenig krankt, ist, dass der Autor keinerlei Definition von »Kultur« anbietet, was dazu führt, dass seine Ausführungen mitunter selbst nicht recht deutlich werden lassen, ob nun von ökonomisch verwertbaren Produkten einer Kulturindustrie die Rede ist oder doch eher von einem sehr umfassend prägenden Gesamtrahmen des menschlichen Lebens.

Eine formale Auffälligkeit ist zu erwähnen: Mattelart fügt in den Text immer wieder halb- bis einseitige »Marginalien« ein, die zur Erläuterung oder Hintergrundinformation dienen, sich aber weder in den Fließtext einfügen noch auf konkrete Stellen in diesem beziehen, sondern nebenbei gelesen werden können. Diese Praxis scheint eher zu verwirren, kann aber wohl auch im Sinne einer berechtigten Kulturenvielfalt (hier eben hinsichtlich der Gestaltung von Texten) gedeutet werden. Insgesamt handelt es sich hier um ein informatives, vor allem aber engagiertes Buch zur Frage kultureller Hegemonie bzw. Pluralität, das mituntern vielleicht etwas zu viel Hang zu antiamerikanisch verschwörungstheoretischen Reflexen aufweist.

Wilhelm Guggenberger