Rolf Elberfeld

Einleitung

Das künstlerische Schaffen in Europa und Nordamerika wurde im 20. Jahrhundert und auch schon davor vielfach durch Traditionen inspiriert, die nicht zu diesem Kulturkreis gehören. Durch diesen Befruchtungsprozess wurde mehr und mehr der Blick freigegeben auf ästhetische Welten, die zwar inzwischen hier und da auch in den Kunstwissenschaften in Europa wahrgenommen werden, aber insbesondere im Hinblick auf die kulturellen Hintergründe noch nicht wirklich aufgearbeitet sind.
Es zeichnen sich somit zunächst zwei größere Themenkreise für das Thema Ästhetik interkulturell ab: Zum einen geht es darum, die ästhetischen Traditionen außerhalb Europas und Nordamerikas in ihrer eigenen Entwicklung und Selbstreflexion wahrzunehmen und zum anderen geht es darum, die fruchtbare Rezeption dieser Traditionen in Europa und Nord­amerika in ihrem transformativen Charakter für das Kunstverständnis insgesamt zu betrachten. Beide Themenkreise und darüber hinausgehende Fragestellungen werden in den drei Aufsätzen des Themenschwerpunktes behandelt. Der Aufsatz von Mâdâlina Diaconu ­­thematisiert in grundsätzlicher Weise die Möglichkeiten und Dimensionen einer interkulturellen Ästhetik auch in methodischer Hinsicht. Sie verbindet ihre Überlegungen mit Reflexionen zum Begriff der Kultur und der Möglichkeit des »Inter« im Rahmen der Inter-kulturalität. Ich selber versuche zurückzufragen auf die Ordnungen von Kunst insgesamt in interkultureller Perspektive, so dass sich zeigt, dass auch ganz anderes, als wir in Europa gewöhnt sind, zur Kunst im hohen Sinne werden kann. Karl Baier geht der Rezeption ostasiatischer Traditionen bei John Cage nach, der erklärterweise wichtige Inspirationen für sein Musikschaffen aus den fernöstlichen Kulturen erhalten hat. Da dieses in der europäischen Musikwissenschaft oft nicht ausreichend gewürdigt wird, ist sein Aufsatz ein wichtiger Impuls, eine interkulturell orientierte Musikwissenschaft voranzutreiben. Die Form philosophischen Denkens in Lateinamerika ist häufig der Essay und der Roman: Maria José Punte stellt mit José Pablo Feinmann ein Beispiel für diese Verflechtung von erzählerischem Gestalten und Philosophieren vor.
Dass inzwischen auch der Mainstream der Ästhetikforschung auf die interkulturelle Problematik aufmerksam geworden ist, zeigte im Jahr 2001 der 15. internationale Ästhetikkongress unter dem Titel »Ästhetik für das 21. Jahrhundert«, der zum ersten Mal in Asien stattfand. Der erste Kongress dieser Reihe wurde bereits 1913 in Berlin organisiert durch Max Dessoir. Dann folgten Kongresse in Paris (1937), Venedig (1956), Athen (1960), Amsterdam (1964), Upsala (1968), Bukarest (1972), Darmstadt (1976), Dubrovnik (1980), Montreal (1984) und Nottingham (1988), die durch selbstorganisierte Initiativen von Ästhetik-Forschern durchgeführt wurden. In Nottingham wurde dann die »International Association of Aesthetics« (IAA) ins Leben gerufen, durch deren jeweiligen Präsidenten seitdem internationale Ästhetik-Kongesse in Madrid (1992), Lahti (1995), Ljubiljana (1998) und Tokyo (2001) organisiert wurden. Die nächsten Tagungen finden in Rio de Janeiro (2004) und Ankara (2007) statt. Man bemerkt sehr deutlich: Auch die Welt der Ästhetik-Forschung ist internationaler und vielgestaltiger geworden, was aber den Entwicklungen in der Kunst-Welt selber wohl immer noch hinterherhinkt.
In Tokyo fanden eigens organisierte Spezialsymposien zur Ästhetik in Indien, China und Japan statt. Ansonsten war das Programm jedoch nicht wirklich zu unterscheiden von gewöhnlichen Ästhetik-Tagungen. Deutlich ist vor allem geworden, dass im Bereich einer interkulturell orientierten Ästhetik noch Vieles auf seine Bearbeitung wartet. Vor allem auch die philosophischen Implikationen der einzelnen Ästhetik-Traditionen gelangen noch kaum in den Blick. Hier verzahnen sich die generelle Öffnung der Philosophie für die interkulturelle Perspektive und die Reflexionsversuche im Bereich der Ästhetik. Beides ist vom Wirkungsbereich nicht identisch. Gerade in der Ästhetik kommen Fragestellungen vor allem auch des kulturell geprägten Alltagslebens ins Spiel, die gewöhnlich aus dem Rahmen philosophischer Reflexion ausgeschlossen werden. Zudem bezieht sich die philosophische Ästhetik auf eine Lebenswirklichkeit, die nicht vorrangig durch Texte geprägt ist, sondern andere, verschiedene Medien der Kommunikation nutzt, die die Beeinflussung verschiedener Kulturen und die Bildung von hybriden Kunstformen eher erleichtert. Texte erhöhen die Barriere des Verstehens, wohingegen Kunst im Medium sinnlicher Leiblichkeit eine interkulturelle Unmittelbarkeit zulässt, die ein philosophisches Gespräch schon deswegen nicht erreichen kann, weil eine gemeinsame Sprache gefunden werden muss oder die dauernde Übersetzung die Sache kompliziert. Tanzen beispielsweise Tänzer aus verschiedenen Kulturen miteinander, so lassen die verschiedenen Bewegungsformen unmittelbare Resonanzen zu, die in einigen Aufführungen sogar selber zum Ausgangspunkt gemacht werden. Ähnliches gilt auch für den Bereich der Musik, wo diese Hybridbildungen ja im Rahmen der sogenannten »Weltmusik« rhizomatische Urstände feiern.
Die im vorliegenden Themenheft versammelten Aufsätze zur interkulturell orientierten Ästhetik können und wollen diesem sehr lebendigen Geschehen im Rahmen der Kunstwelt nicht gerecht werden. Dennoch bilden sie einen bescheidenen Beitrag, um aufmerksam zu machen auf ein Themengebiet, das nach meiner Ansicht gerade auch in Zukunft immer relevanter werden wird. Denn das Verstehen der Kulturen hängt im Alltag gerade auch davon ab, ob die verschiedenen Menschen sich gegenseitig gemäß ihrem jeweils eigenen ästhetischen Bedeutungshorizont wahrnehmen können. Plakativ könnte man sagen: Die Ablehnung anderer Menschen und Kulturen beginnt nicht erst im Denken, sondern in der Nase. Die Bedeutung sinnlicher Wahrnehmung für die interkulturelle Verständigung ist noch nicht ausreichend behandelt worden. Die gegenwärtigen Rückbesinnungen der Ästhetik auf ihre ursprüngliche Bedeutung als Wahrnehmung und Sinnlichkeit des Menschen können für diesen Themenbereich neue Wege weisen. Von daher steht das Thema Ästhetik interkulturell erst am Anfang seiner Entfaltung.