Wolfgang Tomaschitz

Einleitung 

Zwei Motive spielten bei der Entscheidung für das Thema neue ontologien eine Rolle. Zum einen tritt jede Ontologie, die versucht eine metaphysica generalis »auszubuchstabieren« (K.Trettin) mit einem Gültigkeitsanspruch auf, der interkulturelles Philosophieren schon deshalb herausfordert, weil historische und kulturelle Differenzen hier scheinbar überflügelt werden. Wer »letzte Aussagen« über die Welt im Ganzen macht, von allgemeinste – bezeichnenderweise auch »global“ genannten –Eigenschaften und Sachverhalten spricht, und bestimmen will, welche Kategorien als grundlegend zu gelten haben und welche nicht, wird in der Regel nicht davon ausgehen, dass seine Standpunkte ernsthaft von geographischen Breitegraden oder kulturellen Kontexten berührt werden könnten. Große metaphysische Entwürfe scheinen sich aus diesem Grund nicht ohne weiteres als Basis für den philosophischen Polylog zu empfehlen. Andererseits ist aber gerade das Gespräch mit den großen metaphysischen Traditionen etwa der indischen, der chinesischen oder der japanischen Philosophie von größtem Interesse und eine Auseinandersetzung über die global geschichtsmächtig gewordene europäische Metaphysik für ein interkulturelles Philosophieren unumgänglich. Dieses Spannungsverhältnis stellt ein Motiv für die Wahl des vorliegenden Schwerpunktes dar.
Das andere Motiv liegt in jüngsten Entwicklungen innerhalb der euro-amerikanischen Gegenwartsphilosophie, insbesondere der analytische Philosophie. Hier ist seit einiger Zeit – im deutschen Sprachraum seit etwa zehn Jahren – ein verstärktes Interesse an Fragen der Ontologie festzustellen, das z.T. in großen systematischen Theorien seinen Ausdruck findet. Von diesen gehen einige weit über den Rahmen einer deskriptiven Metaphysik hinaus, indem sie den Versuch unternehmen, die Welt und unser Dasein als Ganzes neu zu denken. Es erschien daher verlockend, DenkerInnen außerhalb der analytischen und vor allem auch außerhalb der westlichen Philosophie mit diesen zeitgenössischen Entwürfen einer revisionären Metaphysik bekannt zu machen und via polylog zu einem Gespräch darüber einzuladen.
Ursprünglich war geplant, dass je ein Text von Uwe Meixner (Regensburg) und Paul Burger (Basel) – die anlässlich des Wittgenstein-Symposions in Kirchberg spontan ihre Mitarbeit zugesagt hatten – gemeinsam als ein repräsentatives Beispiel neuerer ontologischer Forschung an andere PhilosophInnen weitergeleitet und zur Diskussion gestellt werden sollte. Aus terminlichen Gründen konnte nur Uwe Meixner seinen – hier abgedruckten Essay – so zeitgerecht zu Verfügung stellen, dass dieser Text dann nach Indien, Japan, Australien und die USA als eine »Gesprächseröffnung« verschickt werden konnte. Ohne Prof. Meixeners Vorarbeit und Mithilfe wäre die vorliegende Nummer nicht zu Stande gekommen. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken.
Die Form, in welcher das erste Ergebnis eines Polylogs über Fragen der Metaphysik nun vorliegt, ist also zum Teil durch die zeitlichen Abläufe bestimmt, die es nicht erlaubten, dass jeder einzelne Beitrag auch allen anderen Beitragenden hätte zugänglich gemacht werden können. Die gemeinsame Klammer der fünf hier abgedruckten Texte – allesamt Originalbeiträge – ist somit der Bezug zum Essay Meixners und darüber hinaus das Interesse an Fragen der Kausalitätstheorie, der Naturalismuskritik, der kategorialen Ontologie und den Möglichkeiten einer philosophischen Theologie. 
Meixners hier erstmals publizierter Essay Die Metaphysik von Ereignis und Substanz. Eine Skizze der Grundgedanken stellt in gedrängter Form die Hauptgedanken seines 1997 publizierten großen systematischen Entwurfes Ereignis und Substanz vor, der neben einer Ontologie im engeren Sinn auch eine Bewusstseinstheorie, eine philosophische Gotteslehre und eine Theodizee beinhaltet. Im vorliegenden Beitrag erläutert er seinen Begriff von Substanz, der eng mit seiner Sicht von Kausalität zusammenhängt und vertritt dabei den radikalen Standpunkt, dass Ereigniskausalität auf Agenskausalität, die von transzendenten Substanzen als Realisationssubjekten getragen werde, reduziert werden könne. Dieser monadische Ansatz wird dann zu einem »eingeschränkten metaphysischen Pluralismus« weiterentwickelt, dessen zentrale These darin besteht, dass das Wirklichmachen – in Meixners Worten die »Realitätsmitteilung an die Welt« – bei einer einzigen Zentralsubstanz liege. Eine Idee, die vor allem aus der Perspektive der modernen japanischen und der chinesischen Philosophie auf  Interesse gestoßen ist, wie die Beiträge von Bo Mou und Nobuhara zeigen.
Der erste Co-Artikel Kausalität und Erklärung der Welt bei Meixner und Zubiri stammt von Thomas B. Fowler (Washington) und macht uns mit dem Werk des – im deutschen Sprachraum bislang noch unentdeckten – spanischen Philosophen Xavier Zubiri bekannt. Fowler betont vor allem die Parallelen zwischen der Metaphysik Zubiris und Meixners. Angelpunkte seiner Darstellung ist der gemeinsame historische Bezug zu Hume und ein ausgeprägtes Interesse an der Revision gängiger Kausalitätstheorien.
Tokiyuki Nobuhara (Shibata) stellt in Wie können wir in der Metaphysik die vertikale und die horizontale Ordnung stimmig zusammenbringen? Meixners Gedanken in den Zusammenhang eines Gespräches zwischen der Prozessphilosophie Whiteheads und der Schule Kitaro Nishidas. Dabei eröffnen sich Einblicke in ein Theoriefeld auf dem schon seit längerem intensiv interkulturell philosophiert wird. Sein Interesse gilt vor allem Meixners Begriff der Substanz, besonders aber dessen philosophischer Theologie, die Nobuhara als eine Philosophie der Kreativität deutet.
Bo Mou (San José) steuert mit Werden-Sein Komplementarität: Die Yin-Yang metaphysische Sicht des Yijing einen eigenständigen Beitrag zu einer zeitgemäßen Lesart des Yijing bei, der sich nur ganz am Rande mit der Philosophie Meixners – und hier mit der Idee eines Ausgleichs zwischen den konfligierenden Strebungen der einzelnen Substanzen – beschäftigt. Bo Mous Beitrag zeigt vielleicht am deutlichsten, wie viel von der Wahl der primären Kategorien abhängt, wenn es darum geht theoretisch zu erschließen, was als »echter Aspekt der Welt« gelten kann und was nicht.
Paul Burger unternimmt in seinem Beitrag Ereigniskausalität oder Agenskausalität? Zur Metaphysik von Uwe Meixner den Versuch angesichts Meixners starker Thesen einige wichtige kritische Fragen zu formulieren. Er bezieht sich vorwiegend auf Meixners Kausalitätsbegriff und dessen dezidierten Anti-Naturalismus. Burger präzisiert den Begriff Naturalismus und erläutert aus wissenschaftstheoretischer Sicht welchem Wahrheitsanspruch metaphysische Intuitionen zu genügen hätten, und welche Fragen für ihn bei Meixner offen bleiben. 
Käthe Trettin (Frankfurt) – selbst eine Insiderin der Ontologieforschung – hat in ihrem Beitrag Tropen, Sachverhalte und Prozesse: neue Kategorien für neue Ontologien dankenswerterweise die Aufgabe übernommen, den gegenwärtigen Diskussionsstand auf diesem sich rasch entwickelnden Forschungsfeld anhand deutsch- und englischsprachiger Arbeiten darzustellen. Die prägnanten Skizzen unterschiedlichster Ansätze, darunter auch Trettins eigener Versuch einer »Tropen-Ontologie«, und zahlreiche Literaturhinweise erleichtern die Zuordnung der hier abgedruckten Beiträge.