Franz Martin Wimmer

Editorial

Als der Entschluss gefasst war, aus Vereinsmitteilungen der Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, den WiGiP-News´n Tools, eine Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren in deutscher Sprache zu machen, standen dahinter ein paar engagierte Menschen und eine Idee. Was für einen erfolgreichen Start sonst noch wichtig erschien – eine gesicherte Finanzierung, personelle Mittel für Büro und Vertrieb und ähnliches – war nicht vorhanden. Die Budgets für Zeitschriften an Universitäten und Bibliotheken waren gerade gekürzt worden, die Aussicht auf Abonnements daher begrenzt.
Dabei ist es im Wesentlichen geblieben. Das Engagement und die Idee sind geblieben, darum gibt es diese Zeitschrift weiterhin. Geblieben ist auch die Knappheit der Mittel. Darum war beispielsweise die ursprüngliche Absicht, zumindest die sehr zahlreichen Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen, die notwendig sein würden, zu honorieren, nicht zu verwirklichen. Dennoch wurde und wird übersetzt, denn es ist uns ein Anliegen, philosophische Stimmen einzudeutschen, die sonst nicht wahrgenommen würden. Unseren AbonnentInnen und der Förderung durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur ist es zu verdanken, dass die Zeitschrift gemacht werden konnte und werden kann.
Nun liegen zehn Hefte auf dem Tisch, dieses hier als Doppelnummer (zugleich die Nr. 11). Die Redaktion hat sich bereits konkrete Gedanken über die nächsten fünf Hefte gemacht, und einige davon sind in Arbeit. Seit drei Jahren gibt es das Internet-Forum mit dem gleichen Namen – polylog. Forum für interkulturelles Philosophieren –, mit dem es von Beginn an Zusammenarbeit gibt, das aufgrund des Mediums nicht nur mehrsprachig ist, sondern mit einer eigenen Redaktion arbeitet und neben eigenen Schwerpunktnummern auch das beste Archiv verfügbar macht, das es zum Thema »interkulturelle Philosophie« gibt. Sie erreichen es leicht: www.polylog.org. Im Jahr 2002 kam ein Partnerprojekt dazu, das in Indien erscheint – Satya Nilayam. Chennai Journal of Intercultural Philosophy –, wo ab unserer Nummer 7 die Themen und ein Großteil unserer Beiträge in Englisch veröffentlicht werden.
Die Redaktion, bis zur Nummer 6 von Michael Shorny und seither von Hans Schelkshorn geleitet, trifft sich nur selten, einmal zu jedem Heft, und immer in Wien. Das Internet hat sich gerade rechtzeitig als Hilfe angeboten, um räumliche Distanzen zu minimieren. Personell ist die Redaktion nicht ganz unverändert geblieben, ist im Wesentlichen angewachsen. Verändert haben sich teilweise auch die Rubriken der Zeitschrift.
Jedes Heft war einem Schwerpunktthema gewidmet und das soll auch so bleiben. Beim Thema dieser Nummer, der nichtokzidentalen Philosophie im 20. Jahrhundert, war von vornherein klar, dass es nur sehr fragmentarisch zu verwirklichen sein würde. Es hätte beispielsweise gute Gründe dafür gegeben, mehrere Beiträge zu China, zu Afrika oder auch zu Lateinamerika in diesem Zusammenhang anzuregen – und wahrscheinlich wären mehrere Hefte nötig gewesen, um einen einigermaßen guten Überblick zu geben. Nicht alles Geplante ist fertig geworden, sodass wir hoffentlich Nachträge zu diesem Thema in einer der nächsten Nummern bringen können. Hier finden Sie je einen Beitrag zur Philosophie in Lateinamerika (Fornet-Betancourt) und Afrika (Masolo), im islamisch-arabischen Raum (Ben-Abdeljelil, Labib und bennani), in China (Obert) und Japan (Elberfeld, sowie ein Beitrag von K. Nishida), sowie zwei Darstellungen zum philosophischen Denken des vergangenen Jahrhunderts in Indien (Amaladass und Panneerselvam). Die Art der Darstellung ist dabei recht unterschiedlich geraten, aber wir hoffen, dass Sie in jedem Fall Anregung und Gewinn bei der Lektüre haben.
Wollte man in wenigen Worten sagen, was eigentlich die Philosophie des 20. Jahrhunderts gebracht hat, so wäre die Antwort daran zu messen, ob und wie weit sie dazu beiträgt, eine menschliche Welt zu schaffen. Letztlich sind alle noch so subtilen begrifflichen und methodologischen Reflexionen an diesem Maßstab zu messen – ob sie »nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern ebenso auf der Höhe der Bedürfnisse ihrer jeweiligen Kontexte« stehen, wie Fornet-Betancourt es hier für die lateinamerikanische Philosophie fordert. Wenn diese »Kontexte« nicht nur die akademische Welt sein sollen und PhilosophInnen nicht nur für sich und für einander schreiben und denken, so wird jedenfalls der Ansatz einer interkulturell orientierten Philosophie seine Nagelprobe darin haben, ob es gelingt, aus einer Öffnung der Gespräche über herkömmliche Grenzen hinweg eine neue Qualität des Miteinander-Denkens zu entwickeln. An einigen Themen hat diese Zeitschrift das schon versucht.
Überblickt man die erschienenen Hefte, so sind zwei davon (Nr. 3: »Andere Geschichte der Philosophie« und die vorliegende) Fragen der Geschichte und Geschichtsschreibung der Philosophie gewidmet. Zwei andere behandeln Fragen der praktischen Philosophie (Nr. 2: »Kwasi Wiredus Konsensethik. Ein afrikanisches Modell« und Nr. 6 zum Thema »Gerechtigkeit«); wiederum zwei handeln zu Themen der Kulturtheorie (Nr. 4: »Frau & Kultur. Kolonisierung von Differenz« und Nr. 8: »Hybridität«). Drei Hefte (Nr. 5: »Erkenntnisquellen«, Nr. 7: »Neue Ontologien«, Nr. 9: »Ästhetik«) bringen Beiträge zu klassischen Fragebereichen in vermutlich jeder Philosophie. Nur die erste Nummer hatte »Vier Ansätze interkulturellen Philosophierens« und damit das Selbstverständnis des Projekts zum Thema, was nicht wieder aufgegriffen wurde. Das kann ein schlechtes Zeichen sein – dass nämlich Hemmungen gegenüber einer Grundlagendiskussion bestünden – oder auch ein gutes: Dass Sachthemen in einer interkulturellen Orientierung neu behandelt werden können, auch wenn nicht alle, die daran arbeiten, eine einheitliche Sichtweise und Begrifflichkeit haben. So hat es ja auch Michael Shorny in seiner damaligen Einleitung zu diesem Thema gesehen: »Interkulturelle Philosophie«, so sagte er, ist »keine eigene Fachdisziplin oder Schulphilosophie mit einem Thesenkanon, sondern alles offen und in Bewegung«.
Doch gibt es auch Beständigkeit. Geblieben seit dem ersten Heft neben dem jeweiligen Schwerpunkt ist auch das »Forum«, in dem wir Beiträge außerhalb davon, aber nicht ganz ohne Bezug dazu bringen, wie es diesmal mit den Texten von Nausikaa Schirilla und Marilena Chaui der Fall ist. Auch die Rubrik »Kulturthemen« gibt es immer noch, wenn sie auch nicht in jeder Nummer vorkommt (diesmal schon – es sind Haikus von Zoran Mimica), und ebenso natürlich die »Bücher und Medien«, über die wir Sie informieren wollen. Berichte über Tagungen hingegen sind seltener geworden, und Ankündigungen zu solchen haben wir ganz gestrichen. Für Derartiges ist die halbjährliche Erscheinungsweise nicht annähernd so brauchbar wie die Präsenz unseres Partnerprojekts im Internet.