Hans Schelkshorn

Einleitung

Gerechtigkeit ist ein zentraler Topos euroamerikanischer Philosophie. Dies ist kein Zufall. Denn die moderne Vorstellung individueller Selbstbestimmung setzt einen für vormoderne Gesellschaften kaum vorstellbaren Pluralismus von Lebensformen frei. Westliche Philosophien halten sich daher in Fragen individueller Lebensführung bewußt zurück; dafür stehen seit Hobbes Probleme der Friedenssicherung und der Durchsetzung von Mindeststandards eines gerechten Zusammenlebens im Zentrum von Ethik und politischer Theorie. Da die Dynamik moderner Freiheit überlieferte Wertstandards systematisch aushöhlt, dominiert in euroamerikanischen Gerechtigkeitstheorien zudem die Frage, inwieweit Stabilität und Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften noch einer gemeinsamen »Sittlichkeit« bzw. nationalen Kultur bedürfen oder durch prozedurale Mechanismen fairer Konsensbildung gesichert werden können.
Da in den zuweilen heftigen Debatten zwischen Kommunitarismus und Liberalismus oder zwischen Diskurstheorie und Postmoderne zumeist Probleme hochindustrialisierter Staaten im Vordergrund stehen, möchte polylog im Schwerpunktthema dieses Heftes einige theoretische Zugänge zum Thema »Gerechtigkeit« vorstellen, die im gewisser Hinsicht quer zum mainstream der euroamerikanischen Philosophie liegen.
Die Beiträge von Henry Odera Oruka und Enrique Dussel, führenden Vertretern afrikanischer bzw. lateinamerikanischer Philosophie thematisieren Fragen einer globalen Gerechtigkeit. In dem bereits 1989 publizierten, jedoch bis heute eminent aktuellen Artikel über Philosophie der Entwicklungshilfe: eine Frage des Rechts auf ein menschliches Minimum legt Odera Oruka in beeindruckender argumentativer Stringenz die moralischen Begründungszusammenhänge einer Solidarität der reichen Nationen gegenüber den armen Ländern frei. Theorien des ungleichen Tausches oder der Wiedergutmachung für koloniale Ausbeutung bilden für Odera Oruka eine unzureichende Basis für eine moralische Beurteilung der sozialen Zerklüftung der gegenwärtigen Weltgesellschaft. Odera Oruka setzt vielmehr – in sachlicher Nähe zu Henry Shue – bei der Theorie sozialer Grundrechte an, konkret des Rechts auf Leben, auf Gesundheit und Subsistenz, deren universale Geltung theoretisch kaum bestritten wird, jedoch auf praktischem Feld einschneidende Maßnahmen für eine sozial orientierte Politik auf globalem Niveau impliziert.
Der Beitrag von Enrique Dussel über Ethische Prinzipien und Ökonomie – aus der Perspektive der »Ethik der Befreiung« thematisiert den Skandal weltweiter Armut im Ausgang von einer prinzipiellen Überlegung zum Verhältnis von »Ökonomie und Ethik«, deren innerer Zusammenhang in der westlichen Moralphilosophie zumeist vernachlässigt wird. Insofern jedoch, wie Dussel bereits in seiner Etica de la liberación (Madrid 1998) aufzeigte, die Erhaltung und Entwicklung menschlichen Lebens der materiale Selbstzweck aller Moral ist, kann Ökonomie von Ethik nicht getrennt, allenfalls unterschieden werden; denn wirtschaftliches Handeln im Sinn einer effizienten Verwendung knapper Ressourcen zielt stets auf die Sicherung der materiellen Grundlagen menschlichen Lebens, die zugleich eine unverzichtbare Dimension des Selbstzwecks moralischen Handelns ausmacht. Für einen Polylog philosophischer Traditionen besonders interessant ist, dass der Lateinamerikaner Enrique Dussel seine Konzeption eines internen Zusammenhangs zwischen Ökonomie und Ethik in Auseinandersetzung mit Amartya Sen entwickelt, dem aus Indien stammenden Nobelpreisträger für Ökonomie des Jahres 1998.
Die Ausschau nach »anderen Theorien der Gerechtigkeit« ist jedoch, wie bereits der erste Beitrag von Sungtaek Cho über Selbstlosigkeit: Zu einer buddhistischen Vision von sozialer Gerechtigkeit aufzeigt, selbst nicht frei von kulturell bedingten Vorgaben. Denn Gerechtigkeit ist, wie Suntaek Cho unmißverständlich klarstellt, kein Schlüsselbegriff buddhistischen Denkens. Im Gegensatz zur europäischen Philosophie legen buddhistische Traditionen in Fragen eines humanen Zusammenlebens das Gewicht vorwiegend auf Tugenden bzw. auf den spirituellen Weg der individuellen Erlösung. In kritischer Auseinandersetzung mit der Gerechtigkeitstheorie von J. Rawls versucht nun Suntaek Cho aufzuweisen, daß in der buddhistischen Theorie der »Selbstlosigkeit« durchaus ein Potential für ein soziales Engagement verborgen liegt, das auch den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft gerecht wird. Konkret sieht Suntaek Cho in der buddhistischen Theorie des »erweiterten Selbst«, das alle andere Selbste in sich einschließt, eine anthropologische Grundlage von Gerechtigkeit angesprochen, die auch Rawls noch in Anspruch nehmen muß. Denn Rawls mutet unter dem hypothetischen »Schleier des Nichtwissens« dem/der einzelnen zu, eine Gesellschaftsordnung zu beurteilen, ohne zu wissen, welche Position er/sie in dieser Gesellschaft einnehmen wird. In diesem Sinn berührt sich Rawls’ Gedankenexperiment, »dass ich irgendjemand in der Gemeinschaft sein kann« mit der buddhistischen Lehre des erweiterten Selbst, dass »ich jeder in der Gemeinschaft bin«.
Eine andere »Pro-vokation« für euroamerikanische PhilosophInnen enthält der Beitrag von Nasr Abu Zayd, der wie Nausikaa Schirilla in der Einführung näher erläutert, zu den wichtigsten Proponenten einer kritischen Koranexegese zählt. Der Artikel Der koranische Begriff von »Gerechtigkeit« geht unmittelbar auf den religiösen Grundtext der islamischen Kultur ein, in der Gerechtigkeit im umfassenden Sinn als göttliche Weltordnung verstanden ist. Innerhalb des weiten theologischen Horizonts finden sich im Koran jedoch zahlreiche Stränge sozialer Gerechtigkeit, in der etwa die Almosenpraxis mit einem Recht der Armen auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum verbunden ist. Der Koran entwickelt daher, wie Abu Zayd betont, ein System sozialer Wohlfahrt. Abu Zayd weicht jedoch auch den heute besonders kontroversen Themen wie der Frage nach der Gleichheit der Frauen oder des Jihad nicht aus, die in einer umsichtigen, auf die jeweiligen Kontexte sorgsam achtenden Exegese der relevanten Korantexte behandelt werden.