Ursula Baatz & Michael Shorny

Einleitung: Erkenntisquellen

Der Schwerpunkt dieses Heftes gilt dem Verhältnis von Erkenntnisquellen in der Theologie und Philosophie, bzw., da »Theologie« einen Gottesbegriff voraussetzt, aber dies z.B. für den Buddhismus nicht zutrifft – zwischen Philosophie und theologie-analogen Reflexionsformen und Theorien. Daher ist es nötig, dem Verhältnis von Interkulturalität und Interdiszplinarität vorweg einige Gedanken zu widmen.
Das Projekt eines interkulturellen Philosophierens kann die Beziehung von Philosophie zur Kultur insofern vage halten, als sich für eine praktische, wissenschaftsethische Bestimmung des Projektes auch ein negativer Ausdruck eignet, etwa ein Appell, Beiträge zum philosophischen Diskurs nicht aus kulturalistischen Gründen auszuschließen, zu ignorieren, oder minder zu schätzen. Bei aller selbstverordneten Offenheit und trotz der Absicht, von vornherein disziplinäre Schranken zu sprengen, ist dennoch der Frage nach einer Bestimmung des Begriffs »Philosophie« im Ausdruck »interkulturelles Philosophieren« schlecht zu entgehen, wenn es darum geht, das Verhältnis von Philosophie und Reflexion auf Spiritualität (d. h. Theologie oder theologie-analoge Theoriebildungen), also eine interdisziplinäre Fragestellung, interkulturell zu thematisieren. Denn Interdisziplinarität bedeutet im allgemeinen, daß isolierte Disziplinen aufeinandertreffen, einander in irgendeiner Weise befruchten, um unbeschadet in ihrem Grundselbstverständnis wieder auseinanderzugehen. Die Frage ist, ob dies auch für den Bereich interkulturellen Philosophierens zutrifft, da ja schon die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und anderen Disziplinen bereits ein Projekt bestimmter, aber keineswegs aller Kulturen ist. Um ein naheliegendes Beispiel aus der europäischen Kulturgeschichte zu nehmen: solange die Philosophie im europäischen Raum als Königin der Wissenschaften galt, und die Einzelwissenschaften nicht so ausdifferenziert waren wie sie es seit Ende des 19. Jahrhunderts sind, hätte die Frage nach Spielregeln des interdisziplinären Diskurses mit der Philosophie gar keinen Sinn gemacht. Auch die Frage nach dem Verhältnis von Theologie und Philosophie stellt sich unter den Vorzeichen der Methoden-Diskussion, die durch den Aufstieg der Naturwissenschaften in Gang kam, anders als etwa im europäischen Mittelalter.
Damit ist der Spielraum der Thematik bereits angedeutet. Zum Selbstverständnis vieler europäischen philosophischen Denkformen der Neuzeit gehört die Abgrenzung von Religion und Theologie. Begründung dafür ist üblicherweise die etwas pathetisch anmutende Behauptung, Philosophie gründe sich alleine auf die Vernunft und nichts liege ihr, der Philosophie bestimmend, normativ voraus – keine Offenbarung, keine – mystische – Intuition und keine Autorität. Theologie und Philosophie konvergieren zwar möglicherweise – und besonders bis in die Mitte des 19. Jhdts. normalerweise in ihren Ergebnissen und Thesen, divergieren aber in ihrer Methode, in den Quellen ihres jeweiligen Denkens. Diese Grundthese ist vielfach zu problematisieren: man kann etwa fragen, ob dieses Selbstverständnis auch methodisch durchgehalten wurde und wird, oder ob die Kür der Vernunft in den philosophischen Traditionen nicht etwas Quasi-Religiöses oder etwas Pseudo-Mythisches hat, oder ob etwa die Grundeinsichten der Logik infolge der Unmöglichkeit einer Letzbegründung durch ihren intuitiven Charakter sich bereits der Mystik nähern, usw.
Der Schwerpunkt dieses Heftes thematisiert nicht diese schwierigen Fragen, die aus dem Kontext europäischer Kultur stammen, sondern verläßt diese kulturbedingten Fragestellungen zugunsten jener Kulturen und Traditionen, die sich nicht der strikten Unterscheidung von Philosophie und Religion verpflichtet fühlen. Trotzdem läßt sich auch in diesen kulturellen Traditionen die Frage nach der Bedeutung verschiedener Erkenntnisquellen für philosophische Theoriebildungen stellen. Vorausgesetzt bleibt dabei freilich ein – allerdings vager – Begriff von Philosophie, wie ihn die europäische Tradition kennt. Daß sich jedoch diese Definition von Philosophie in Hinblick auf Methoden und Gegenstände durch einen fortgesetzten interkulturellen Diskurs verändern könnte, gehört mit zum Projekt interkulturellen Philosophierens und geht als Rahmenbedingung in die Fragestellung ein, der sich dieses Heft widmet.
Eines der Problemfelder zwischen Philosophie und Theologie im europäischen Denken betrifft das Verhältnis von Offenbarung und Vernunft. David P. Lawrence präsentiert mit seinen Überlegungen zu Abhinavaguptas Offenbarungstheorien einige Grundzüge des ungeheuer komplexen und in Europa leider weniger bekannten Systems des kaschmirischen Shivaismus, und im speziellen die wechselseitige Durchdringung legitimatorischer Momente von philosophischer Argumentation und Offenbarung in diesem System.
Aharon Shear-Yashuv zeigt das Zutrauen der Mischra-Tradition in das Primat der Vernunft selbst dort, wo es um die Auslegung des Tannach geht.
Jakób Stuchlik irritiert uns in seiner methodisch bewußten Verweigerung, dezidierte Antworten auf die für unsere Thematik einschlägigen Fragen, die der Buddhismus aufwirft, zu geben: Stuchlik geht dem Verhältnis von Theorie und spiritueller Praktiken auf Grund buddhistischer Theoreme nach.
Im Bereich politischer Philosophie stellt sich die Frage nach der Relevanz von argumentativ nicht einholbarer Einsicht ganz konkret historisch am Beispiel des japanischen Zen-Buddhismus. Manfred Steger enttäuscht die Hoffnung, daß die Ergebnisse von meditativ gewonnener Einsicht auch schon – quasi automatisch – eine Neuerung von Ethik und politischer Theorie bieten.