Madalina Diaconu, Hans Schelkshorn, Wolfgang Tomaschitz

Einleitung

Die EU-Osterweiterung und die Diskussionen über die Aufnahme von Beitragsverhandlungen mit der Türkei haben der Frage nach den »Grenzen« Europas realpolitisches Gewicht verliehen. Die aktuellen Debatten führen drastisch vor Augen, dass interkulturelle Philosophie nicht nur über kontinentale Grenzen, sondern auch im Inneren der großen Regionen der Weltgesellschaft stattfindet. Dennoch beschränkt sich poylog zum ersten Mal seit seines Erscheinens im Schwerpunktthema auf Fragen eines »innereuropäischen« Dialogs der Kulturen.
Den thematischen Ausgangspunkt bildet die Frage nach den Vorzeichen, unter denen sich die europäische Integration vollzieht. Breitet sich das Demokratie- und Politikverständnis westeuropäischer Prägung ohne Transformationen bloß geographisch aus? Normiert Westeuropa, was »europäisch« ist, was »fortgeschritten« genug ist, um dazu zu gehören? Oder liegt der Rede von »Westeuropa«, das so unterschiedliche nationale Kulturen wie Frankreich und Großbritannien umfasst, bereits eine unzulässige Verallgemeinerung zugrunde? Formiert sich das »vereinigte Europa« überhaupt im Horizont von Wertvorstellungen, von politischen und philosophisch fassbaren Maximen, oder ereignet sich hier ein Prozess jenseits der herkömmlichen Reflexionspotenziale?
Diese und andere Fragen werden in verschiedenen Beiträgen konsequent aus dem Blickwinkel des »Zweiten Europa« behandelt. Mit der Rede von einem »Zweiten Europa« soll weder ein Werturteil ausgedrückt noch eine Grenzziehung vorgenommen werden. Vielmehr werden unter dem vagen Begriff eines »Zweiten Europa« jene Staaten des südosteuropäischen Raums angesprochen, die in den vergangenen Jahrzehnten nicht bestimmt haben, was Europa ausmacht und welche Richtung es nimmt. Daher kommen in diesem Heft von polylog sowohl Autoren aus den Beitrittsländern als auch aus jenen Ländern zu Wort, die einen Beitritt anstreben. Unser Interesse galt den religiösen und philosophischen Traditionen, die in dem sich abzeichnenden Integrationsprozess die gemeinsame politische Bühne betreten. Was ist der Beitrag dieser Länder zur philosophischen Reflexion dieses Prozesses? Welche europäischen und welche regionalen Utopien treffen aufeinander?
Diese äußerst unterschiedlichen Fragen haben wir verschiedenen Autoren des »Zweiten Europa« vorgelegt und ebenso vielfältige Antworten erhalten.
In einer teils historischen und teils systematischen Darstellung beschäftigt sich Mdlina Diaconu mit dem Bild Europas, wie es von den »rumänischen Randbewohnern« gesehen wurde. Dafür werden hauptsächlich kulturphilosophische Interpretationen aus den letzten 150 Jahren, d. h. seit dem Beginn des Modernisierungsprozesses in Rumänien nach westlichem Vorbild, in Betracht gezogen. Überwogen vor dem Krieg die Spekulationen über eine sogenannte »rumänische Seele« und die Forderung, sich mit der Entwicklung der westlichen Institutionen und Werte zu synchronisieren, so entwarfen später rumänische Philosophen ein eher abstraktes Bild Europas. Diese Diskussionen wurden nach 1989 in einem neuen Kontext wieder aufgenommen. Trotz der kritischen Engagements der Intellektuellen und der Frustrationen angesichts des noch offenen EU-Beitritts ist jedoch das Selbstbewusstsein der Rumänen, ein integraler Teil Europas zu sein, weiterhin ungebrochen.
Ob die viel beschworene »Rückkehr nach Europa« nicht ein Opium für die polnische Intelligenz sei, stößt Andrzej Gniazdowski (Warschau) in seinem Beitrag »Esel und Opium« als Frage auf; er würzt sie mit der Provokation, wie es denn damit bestellt sei, wenn sich Polen in die Kriegs-Phalanx der USA einreiht, womit es sich noch vor seinem Beitritt zur Europäischen Union als »trojanischer Esel« Amerikas erweist. Die achtziger Jahre wurden in Polen durch den Begriff von Mitteleuropa geprägt, der sich als »ein Betäubungsmittel von relativer Wirksamkeit« herausstellte und an der »westeuropäischen« Vision von Europa scheiterte. Nach zweihundert Jahren ohne (regelrechten) Staat kann die »Rückkehr nach Europa« nicht in der »direkten Wiederaufnahme einer unterbrochenen Tradition« liegen, sondern muss »eher als eine Art Konstruktion« betrachtet werden. Was zuerst die »Abkehr« von der Sowjetunion bedeutete, gilt nun für das europäisierte Polen »nicht so sehr als Projekt gemeinsamen politischen Handelns, sondern vielmehr als ein – damals fremdes, jetzt glücklicherweise eigenes – Schicksal«.
Tschasslaw Koprivitza aus Belgrad nähert sich der Frage nach dem Zweiten Europa durch eine Untersuchung, die man so in der mittel- und westeuropäischen Philosophie kaum und wenn, dann nur mit viel mehr Animosität unternehmen würde. Er zielt direkt auf die Frage, was Staaten und Völker konstituiert: Was ist eine Gedächtnisgemeinschaft, was eine Ethnie, mit welchem Recht wird von »natürlichen« im Unterschied zu »nominellen Identitäten« gesprochen; das sind die Fragen, die er zu klären versucht und die er zugleich für die innereuropäische Diskussion einmahnt. Eine seiner Hauptthesen lautet: der Identitätskonstruktivismus der derzeitigen EU-Administration laufe Gefahr, jegliche Integrationskraft einzubüßen, oder provoziere sogar eine »Rückkehr der Politik der alten Identitäten«, wenn die tatsächlichen Brennpunkte gemeinschaftlicher Identifikation – und die sieht Kopriwitza nach wie vor national, partikulär – nicht ernst genommen werden. Würden diese ernst genommen, so eine weitere These, so würde man Elemente innerhalb der westeuropäischen Identität entdecken, die eine größere Nähe und damit mehr Verständnis von dem eröffnen könnten, was man bisher als »Ost«-Europa marginalisiert hat.
Gar nicht aus der Defensive eines Beitrittswerbers, der artig nachfragt, welche Bedingungen er zu erfüllen habe, stellt Tanil Bora (Istanbul) in seinem Beitrag »Welche EU? Welche Errungenschaften?« seine Fragen an Europa. In knappen und präzisen Skizzen umreißt Tanil Bora die Positionen der konservativ-nationalen­ und wirtschaftsliberalen Kräfte in der Türkei und erörtert die Frage, welche Haltung die politische Linke einnehmen sollte. Dabei wird deutlich, wie vielfältig die Erwartungen, Einschätzungen, Phantasien und Hoffnungen innerhalb der türkischen Bevölkerung bezüglich einer Annäherung an die EU sind. Diese reichen von der »Wahrscheinlichkeit eines fortgeschritteneren Lebens« über die Vorstellung von der EU als einer »Hilfskolonne« der Türkei bis zur Hoffnung auf einen neuen Internationalismus, der noch über Europa hin­ausreicht. Ähnlich wie Kopriwitza, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, weist allerdings auch Bora mit Nachdruck darauf hin, dass dieselben Fragen auch innerhalb der EU zur Entscheidung anstehen.
Mit besonderer Freude erfüllt uns, dass sich der italienische Philosoph und ehemalige Europa-Abgeordnete Gianni Vattimo gerade für diese Ausgabe von polylog zu einem Interview bereit erklärt hat. Vattimo nimmt in dem Gespräch zu einer Fülle von Themen Stellung – die Beziehungen zwischen Europa und den USA, den Irakkrieg, das Experiment der Ost-Erweiterung, das kosmopolitische Erbe der Moderne, der mögliche Beitritt der Türkei, die Arbeiten an einer EU-Verfassung u.a. Martin Weiss hat dem Interview ein kurzes philosophisches Porträt vorangestellt.
Auch im Kulturessay bleibt das Thema »das Zweite Europa« präsent. Lukas Marcel Vosicky nähert sich in seinem Beitrag »Europas größte Minderheit« sowohl in dokumentarischer als auch in persönlicher Weise dem vielschichtigen Phänomen der Roma-Minderheit. Der Artikel setzt zunächst bei der methodischen Schwierigkeit an, über die Roma auf eine angemessene Art zu schreiben; denn die Roma dienen üblicherweise als (oft kriminalisiertes) Untersuchungsobjekt oder als eine Leinwand für idealisierende Projektionen. Eine philosophische Beschäftigung mit ihrer Kultur fehlt fast vollständig; eine solche vorzubereiten, ist das Anliegen des Beitrags. Vosicky deutet die Lebenswelt der Roma vom Begriff der »Beweglichkeit« her, die nicht auf die räumliche Migration reduzierbar ist. »Ihre Zeit ist die absolute Gegenwart«, ohne jegliche Ankunft in einer planbaren Zukunft. Vielleicht lässt sich über die Roma aus diesem Grund nur »kaleidoskopisch« bzw. essayistisch schreiben. Zugleich sieht Vosicky Beziehungen zwischen dieser inneren Beweglichkeit und der Mobilität und Flexibilität moderner Gesellschaften. Könnte es sein, dass gerade die Roma die Lebenswerte unserer Zeit exemplarisch verkörpern? – Dies ist nur eine der provokanten Fragestellungen in Vosickys Essay.
Die Beiträge geben einen Eindruck von der Pluralität der Sichtweisen auf Europa, aber auch von dem enormen Tempo der Geschichte, die Begriffe wie Mitteleuropa oder Osteuropa in kurzer Zeit hinter sich gelassen hat. In diesem Sinn kann dieses Heft von polylog nur eine Momentaufnahme eines geschichtlichen Prozesses sein, dessen Ziel nicht absehbar ist.