Anke Graneß & Martin Ross

Heidegger interkulturell? Einleitung

Eine Ausgabe des Polylog, die sich der Philosophie Martin Heideggers widmet, bedarf einer
Erklärung. Einerseits deswegen, weil das Denken dieses Philosophen nicht nur enorm einflussreich, sondern aus sattsam bekannten Gründen auch höchst umstritten ist. Andererseits, weil prima vista nicht sofort ein Bezug zu all jenen Themen erkennbar ist, die unsere Zeitschrift seit nunmehr über 15 Jahren beschäftigen. Nicht zuletzt gibt es dann auch Beweggründe, die aus unserer alltäglichen Redaktionsarbeit entstehen können und die plötzlich Themen eröffnen, an welche die Redaktion nicht gedacht hätte. Der vorliegende Band 31 unserer Zeitschrift ist auf diese Weise entstanden.
Ende September 2013 fand am Institut für Philosophie der Universität Wien eine internationale Tagung statt: »Ort/e des Denkens. Zum Anspruch inter›kultureller‹ Philosophie« Veranstalter dieser (Graduierten-)Tagung waren Murat Ates, James Garrison, Georg Stenger und Franz Martin Wimmer. Im Call For Papers der Tagung wurden u. a. folgende Fragen vorgegeben: »Mit Hilfe welcher theoretischen Ansätze können wir die scheinbare Selbstverständlichkeit eines ortsgebundenen Denkens verständlich machen? Wie können wir die Orte fassen, die das Denken voraussetzt – oder bestimmen gar die Orte zuallererst das Denken? Kann man überhaupt von ›reinen‹, in sich abgeschlossenen Orten sprechen? Kann es auf der anderen Seite ein Denken geben, das nicht an einen Ort gebunden ist? Wäre ein ›universales‹ Denken möglich, das zwischen und über den Orten bzw. das stets von woanders her denkt? Verändert oder verlagert eine Pluralität der Orte das offenkundige Spannungsgemenge zwischen Denken und Ort?« Ziel der Tagung war, das Denken, das an und in solchen Orten stattfindet, nicht nur explizit zu machen, sondern auch zu vernetzen und miteinander ins Gespräch, in einen Polylog zu bringen.
Auffallend war, dass sich etwas mehr als ein Drittel der Vorträge der jungen Philosophinnen und Philosophen mit dem Denken Martin Heideggers bzw. mit Phänomenologie und Hermeneutik beschäftigt hat. Dies war umso erstaunlicher, als es vor allem die internationalen, also nichtdeutschsprachigen Vortragenden waren, die ihre Beschäftigung mit Heidegger präsentierten. Erstaunlich ist dieser Umstand, weil es ja Heidegger war, der sagte, die Rede von europäischer Philosophie sei eine Tautologie, weil Philosophie ihrem Wesen nach griechisch sei – und damit die Antithese jedes interkulturellen Philosophierens formulierte. Heidegger als Anregung für heutige Auseinandersetzungen zu einem interkulturellen Philosophieren – wie soll das gehen, haben wir uns gefragt und auf die Suche begeben nach dem, was Heidegger heute noch so anregend macht für ein interkulturelles Philosophieren.
Der Zufall wollte es, dass Polylog zur gleichen Zeit erfahren hatte, dass das eigentlich für Band 31 vorgesehene Thema »Andalusien« verschoben werden musste. Daher hieß es, kurzfristig zu handeln und ein neues Thema zu finden, damit Polylog 31 erscheinen kann. So kam es, wie es kam: In einem Pausengespräch auf der Tagung wurde spontan die Idee geboren, der skizzierten Tendenz, Martin Heideggers Denken interkulturell zu erschließen, Raum zu geben. Besonders wichtig ist uns dabei das Fragezeichen im Titel dieser Ausgabe. Für Polylog ist es noch nicht ausgemacht, dass Heideggers Denken unter den Vorzeichen interkulturellen Philosophierens fruchtbar gemacht werden kann. Denn auch wenn Heidegger sich explizit mit asiatischer (insbesondere japanischer) Philosophie auseinandergesetzt und schon aus diesem Grund eine vielfältige Rezeption durch japanische Philosophen erfahren hat, ist doch die Frage zu stellen, inwiefern diese Auseinandersetzung eigentlich sein Denken beeinflusst hat oder ob diese Auseinandersetzung eine Einbahnstraße war?
Die Diskussion um seine inzwischen veröffentlichten »Schwarzen Hefte«, die – auch so ein Zufall – ein paar Wochen später eingesetzt hat und immer noch andauert, befeuert diesen Zweifel (s.u., Rezensionen). Zugleich ist uns aber auch das bewusst, was Georg Stenger im Eröffnungsvortrag zur Tagung pointiert formuliert hat: »Man denkt sich unwillkürlich: ›Heidegger … da war doch was?‹ – Aber wir dürfen nicht vergessen: Der Mann hat auch gedacht!«
Um ebendieses Denken kreisen die Beiträge, die in diesem Band erscheinen. Allen Aufsätzen ist gemeinsam, dass sie Heideggers Denken nicht gleichsam systemimmanent und heideggerisch weiterdenken wollen, sondern dass sie einzelne Überlegungen wie in einem Steinbruch herausbrechen, um sich von ihnen zu eigenen Überlegungen anregen zu lassen. Der Beitrag von Choong-Su Han reflektiert den Titel der Tagung und beginnt mit einer Reflexion des Bedeutungsunterschiedes von »Ort« und »Orte«; dieser sei in der koreanischen Sprachtradition nicht vorhanden. Ins Koreanische übersetzt würde die Einzahl wie die Mehrzahl sein. Und auch der Bedeutung des Präfix »inter-« widmet Han eine kurze etymologische Reflexion, um dann beim Zwischenergebnis zu landen, dass interkulturelle Philosophie dadurch entstehe, dass eine philosophische Kultur andere philosophische Kulturen in ihr eigenes Denken miteinbeziehe; wodurch eine interkulturelle philosophische Perspektive zustandekäme. Dies führt er am Beispiel von Martin Heideggers Auseinandersetzung mit dem Spruch XI des Daodejing vor. Wenn Dao der Weg ist – was auch Heidegger wichtig ist zu betonen –, dann gilt es, die Kluft des »inter« zu überbrücken, um einen Ort zu finden. Insoferne dieser Weg bei Heidegger als Geschehen begriffen wird, existieren für Han Gemeinsamkeiten mit der aus dem Daoismus stammenden koreanischen Kultur. Er beschreibt die Relevanz und Inspiration, die er von Heideggers Texten bekommt, mit der speziellen Atmosphäre, die von ihnen ausgeht. Dabei reflektiert Han einige Überlegungen Heideggers zum Phänomen des »Dings« und konstatiert eine gewisse Nostalgie, die von Dingen ausgeht, eine Nostalgie, die er aus der koreanischen Kultur kennt. Das eröffnet einen Reflexionsraum, der Anstoß gibt, darüber nachzudenken, auf welche Weise die Atmosphäre und Denkfigur des Nostalgischen auch in anderen Kulturen präsent ist.
Takashi Ikeda skizziert ausgehend von der im Feminismus wichtigen Unterscheidung zwischen »öffentlich« und »privat« den Ort des »Zuhause«. Ausgehend von Heideggers Aufsatz »Bauen Wohnen Denken« versucht Ikeda, das Zuhause positiv zu fassen, indem er den Wohnort als eigentlichen Ort des Handelns und Denkens ansieht. So entwickelt er die Idee des Zuhauseseins als Bedingung für die Bildung menschlicher Identität und für den Entwurf des eigenen Selbst. Insofern sei es keine bloße private Angelegenheit, ob sich ein Mensch an einem Ort befinde, an welchem er oder sie zu Hause sein kann. Ikeda kehrt das Verständnis von »Zuhause« um: Losgelöst von der kapitalistischen Ideologie werden Wohnen, Zuhause, ja auch Heimat als menschliche Tätigkeit begriffen, in der sich das autonome Subjekt verwirklicht. Er knüpft dabei an Überlegungen von Iris Marion Young an, die versucht, Heideggers »Bauen Wohnen Denken« weiterzuentwickeln: Das Zuhause als Ort der Dinge, die zu meinem Leben gehören und ein Stück weit meine Bedürfnisse ausdrücken. Meine Identität materialisiert sich auf gewisse Weise, wie Ikeda schreibt. Dies führt dann dazu, dass man seine persönliche Geschichte erzählt: Es entsteht ein Narrativ über eine Person (oder auch eine Gruppe).
Auch der Beitrag von Giuseppe Menditto reflektiert die Orts-Thematik, bezieht sich dabei aber nur indirekt auf Martin Heidegger. Allerdings zieht der Autor aus der phänomenologischen Tradition Merleau-Ponty und Derrida heran. Menditto geht von einer bei Nishida getroffenen Dreiteilung aus: Ort des Seins, Ort der relativen Nichtigkeit und das absolute Nichts. Diese setzt er in Verbindung mit dem Konzept des Fleisches (»chair«) bei Merleau-Ponty, das sozusagen den Ort des Subjekts markiert, und mit der von Derrida gelesenen platonischen »chōra«, die u.a. als »Raum« ausgelegt wird. »Bashō, chōra und chair gehören alle zu einer Räumlichkeit, die nicht als res extensa oder im Sinne Kants mit unserem Anschauungsvermögen zu verwechseln sind«, schreibt Menditto, der in der anschließenden Erklärung von Nishidas »Bashō« herausarbeitet, inwieweit er auf platonische Begriffe zurückgreift. Dies tun auch Derrida und Merleau-Ponty, wie Menditto darlegt, wobei er hervorhebt, dass die Begriffe, die beide verwenden, schwer übersetzbar sind. So zeigt sich, dass es einem Phänomen wie dem Ort inhärent zu sein scheint, dass es – einmal nicht als physikalischer Raum verstanden – eher dunkle Begriffe sind, die es angemessen beschreiben können. Eine philosophische Reflexion des Ortes, so wie sie Menditto vorführt, wird also letztlich ihre eigene Sprachlichkeit reflektieren müssen – intra- und interkulturell.
Die Sprache befindet sich im Zentrum des Beitrags von Tsutomu Ben Yagi, und zwar auf welche Weise sie zum Phänomen des Ortes steht. Er bezieht sich dabei auf entsprechende Überlegungen Gadamers in »Wahrheit und Methode«. Ausgangspunkt bildet allerdings der berühmte Satz Martin Heideggers aus dem Humanismusbrief, dass die Sprache das Haus des Seins sei. »Wenn unser Denken über das Sein nur mit Hilfe von Sprache möglich ist, dann zeigt Sprache den Standort an, an welchem wir in Beziehung zum Sein gebracht werden«, so Yagi. Sprache zeigt Heimat an. An dieser Stelle kommt Gadamer ins Spiel, der diese rein seinsbezogene Redeweise von Sprache, die Heidegger pflegt, kritisiert und erweitert: Es gehe nicht um eine Sprache der Metaphysik, sondern um lebendige Sprache. Die lebendige Sprache als solche ist immer die jeweilige Muttersprache, weil sie nämlich nie als fremde Sprache gelernt wird. Leben ist Einkehr in die Sprache, diesem Gadamer-Wort stimmt Yagi zu, differenziert es aber weiter aus, indem er das Moment der Rückkehr ins Spiel bringt. Gadamer, der den Begriff Schellings »das Unvordenkliche« verwendet, bezieht das auf die Heimat. Wenn Heimat nun »eingeholt werden soll und doch uneinholbar ist, kehren wir zur Heimat zurück, ohne wirklich in der Lage zu sein zurückzukehren« (Yagi).
Im Forum der vorliegenden Ausgabe veröffentlichen wir einen Aufsatz von Leonhard Praeg, einem Philosophen aus Südafrika, der unserem Verständnis des Philosophierens sehr nahe kommt. Es handelt sich um nie abgeschickte Briefe an Valentin Yves Mudimbe, einem durch sein Buch The Invention of Africa (1988) und seit seiner Mitarbeit am Gulbenkian- Report international bekannten kongolesischen Philosophen (seit 1979 in den USA lebend), die auf literarisch-philosophische Weise den postkolonialen Zustand Südafrikas reflektieren. Auf gewisse Weise sind die Briefe Praegs hier nun doch abgeschickt – mit »Polylog« als Postkasten. Ausgehend von Alltagsbeobachtungen, versucht Praeg, diese an gewisse Theorien und Philosophien rückzubinden, insbesondere an das Konzept des In-der-Welt-seins, das Heidegger in »Sein und Zeit« entworfen hatte. Der literarische Anspruch des Beitrags von Praeg ist, unter Verwendung der Briefform in einen (fiktiven) Dialog mit (dem realen) Mudimbe zu treten, um ein Vortragsthema für eine gemeinsame Tagung zu finden. Viele der Reflexionen Praegs verweilen im Ungefähren, fordern zum kritischen Mitdenken und vielleicht zum Widerspruch heraus, und das ist auch der philosophische Anspruch seines Text: den schwebenden, ungefähren Zustand Südafrikas – vielleicht Afrikas überhaupt – in Zeiten des Postkolonialismus deutlich zu machen.
Die Auswahl dieser Texte behauptet natürlich keinesfalls, in Sachen »Heidegger interkulturell?« das letzte Wort gesprochen oder eine Übersicht gegeben zu haben. Sie folgt einfach jener eingangs erwähnten Beobachtung, dass unter den Philosophinnen und Philosophen der jüngeren Generation, die sich mit Interkulturalität beschäftigen, Martin Heideggers Texte offenbar wichtig zu sein scheinen. Vielleicht kann man auch von einem Trend sprechen, der, so es ihn geben sollte, auf erfrischende Weise die Überlegungen dieses berühmten Philosophen für eigene Interessen und Forschungen nutzbar zu machen sucht und weder im engen Zirkel der Heidegger-Verehrung noch in der meist in den Feuilletons ausgebreiteten Heidegger-Ablehnung steckenbleibt.