Bianca Boteva-Richter & Nausikaa Schirilla

Migration: EINLEITUNG

Anfang Oktober 2013 wurde bekannt, dass mindestens 360 Flüchtlinge aus dem östlichen Afrika bei einem Bootsunglück vor der Insel Lampedusa ums Leben kamen, zwei Wochen später starben nach Informationen der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl über hundert Bootsflüchtlinge nahe der Insel Lesbos, dem Journalisten Francesco Gatti zufolge sind in den vergangenen 25 Jahren an den euro­päischen Grenzen mehr als 19 000 Menschen umgekommen. Im Dezember 2013 führte die EU ein neues Grenzüberwachungssystem ein, das es noch schwieriger machen wird, nach Europa zu gelangen. Anderseits sucht zumindest Deutschland dringend Fachkräfte in vielen Bereichen der Wirtschaft und der Pflege und wirbt in Fachkräfteallianzen um qualifizierte Zuwanderer. Es gibt ohne Zweifel den Versuch, Migration zu steuern, erwünschte Zuwanderung zu befördern und unerwünschte fernzuhalten. Welche philosophischen Fragen sind hier relevant? Was sagt die Philosophie zur Frage der Abschottung der Grenzen? Die Debatte des amerikanischen Liberalismus um offene Grenzen ist bis auf wenige Ausnahmen (Kirloskar-Steinbach 2008) im deutschsprachigen Raum wenig rezipiert worden. Erst 2012 wurde ein Klassiker dieser Debatte von Joseph Carens auf Deutsch übersetzt. (vgl. Cassee /Goppel 2012, rezensiert in diesem Band).
Migration war und ist ein »Normalfall« in der Geschichte (Bade). Dennoch ist das Thema in den Medien oft als »neu« präsent. Immer wieder geht es um Fragen der Integration und Parallelgesellschaften und Fragen der Werteorientierungen von Einheimischen und Zugewanderten. Aber sind Einheimische und Zugewanderte zu unterscheiden? In Öster­reich leben 10,2 % Personen mit ausländischem Pass. In Deutschland leben 19 % Menschen, die selbst oder von denen zumindest ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist, in großen Städten und Ballungsgebieten sind es zwischen 30 und 40 %, in manchen Altersstufen sind es dort über 50 %. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Migranten in Deutschland liegt bei 21 Jahren, Menschen, die so lange in einer Gesellschaft leben, sind weder fremd noch anders. Die sozialwissenschaftliche Migrationsforschung hat die Fragen nach Herkunftskulturen und ethnischen Differenzen als stets neu inszenierte Versuche, »Andere« zu konstruieren, dekonstruiert.
Welche philosophischen Fragen resultieren aus den genannten Entwicklungen? Was bedeutet es, zum Thema Migration interkulturell zu philosophieren? Welche philosophischen Traditionen können hier polylogisch zusammenfinden? Wir mussten feststellen, dass, während Themen wie Multikulturalismus und Kulturrelativismus durchaus in der Philosophie diskutiert werden, über Migration selbst wenig philosophiert wird. Obwohl Migration sehr eng mit dem menschlichen Dasein verknüpft ist, wird in der Philosophie wenig darüber geforscht. Wir haben uns entschieden, Migration als Akt des Migrierens zum Thema zu machen – in Bezug auf offene Grenzen, in Bezug auf globale Gerechtigkeit und in Bezug auf ethische Folgen der Migration. Einen weiteren Schwerpunkt des Themas bilden Fragen nach theoretischer Konzipierung von Ethnizität oder Identitäten in der Migration. Diese Polylognummer ist in ihrem Thementeil insofern untypisch, als fast alle ausgewählten Philosophen im Rahmen der klassischen westlichen Philosophie zu Migration argumentieren – dies war nicht unbedingt intendiert. Aber es wäre geradezu »unpolylogisch«, hier krampfhaft nach »exotischen« nicht westlichen Beiträgen zu suchen.
So rekapituliert der erste Beitrag von Arash Abizadeh die Debatte in der politischen Philosophie zu offenen Grenzen. Abizadeh stellt das Für und Wider der offenen Grenzen in der liberalen Diskussion dar, die einerseits auf den Wert der Bewegungsfreiheit und auf die der Gerechtigkeit Bezug nimmt. Er ergänzt diese Debatte um eine demokratietheoretische Perspektive und fragt, ob es für demokratische Regimes vertretbar sei, diejenigen, die,  von der Abschottung der Grenzen betroffen sind, aus der Mitsprache über Grenzpolitik auszuschließen. Uchenna Okeja nimmt Bezug zur Debatte um globale Gerechtigkeit aus einer afrikanischen Perspektive. Im Rekurs auf ethnologische und historische Studien rekonstruiert er Positionen zu Migration in afrikanischen Gesellschaften und fragt nach deren Relevanz für die globale Ebene. Als Fazit fordert er, die Gerechtigkeitsdebatte um die Frage der internationalen Machtverteilung zu ergänzen und hinterfragt damit grundlegend die aktuellen Machtverhältnissen in der globalen Welt, die überhaupt Anlass zur Gerechtigkeitsdebatte geben.
Bianca Boteva-Richter versucht Migra­tion philosophisch zu begreifen – sie benennt eine räumliche und eine zeitliche Ebene von Migration, die in einem theoretischen Polylog von westlicher und asiatischer Methodik erklärt werden kann. Die Autorin hebt die Zeitlichkeit als wichtigen Aspekt der Migration hervor; darin begründen sich die Verknotung menschlicher Verbindungen, sowie die erfolgreiche oder erfolglose Neuverortung von Migranten. Boteva-Richter erörtert abschließend die Frage, ob wir nicht alle, in einem durch die menschlichen Verbindungen entstehenden Zwischen und in einer globalen Welt, Migranten sind.
Die Anthropologin Nobuko Adachi beschreibt verschiedene Perspektiven von Identitäten anhand einiger Beispiele aus dem Leben von japanischen Brasilianern, die ungewöhnliche Bezeichnungsweisen sowohl für Brasilianer als auch für Japaner haben. Hier verwischt sich Eigenes und Fremdes. Die Autorin zeigt auf, warum sich die in Brasilien lebenden Japaner mit einem anderen, offizielleren Ausdruck als die Japaner in Japan benennen und warum sie die Brasilianer, die in Brasilien leben, Fremde nennen. In diesem Beitrag sieht man, wie Sichtweisen von Identitäten wechseln und wie nichtssagend allgemeine ethnische Zuschreibungen sind. Dieser Beitrag reflektiert Zugehörigkeit und Zuschreibung und hinterfragt, wer Eigen und wer Fremd genannt werden kann.
Wenn von Identitäten in der Migration die Rede ist, wird der Hybriditätsbegriff des postkolonialen Denkers Homi K. Bhabha gerne rezipiert. Dazu macht Kien Ngi Ha einige kritische Bemerkungen. Er rekapituliert postkoloniale Ansätze, insofern sie für das Thema Migration relevant sind, und zeigt die Grenzen einer oberflächlichen Übernahme von Bhabhas Hybriditätsbegriff. Mit aktuellen ethischen Fragen der Folgen von Migration beschäftigt sich abschließend Nausikaa Schirilla. Sie rekapituliert die Debatte um Pflegemigration aus Ost- nach Westeuropa und die in Ost und West populäre Sorge um das Schicksal der durch Migration der Eltern zurückgelassenen Kinder und Älteren aus einer diskurskritischen und einer ethischen Perspektive.
Mit diesen Beiträgen ist das Themenfeld Migration noch lange nicht erschöpft, philosophisch interessant wären Themen wie die von Migrationsforschern oft konstatierte Autonomie der Migration, die Frage der Rechte und Zugehörigkeiten, Divergenzen zwischen transnationalen Orientierungen und nationalstaatlichen Integrationsanforderungen – vielleicht geben die aktuellen Beiträge Anlass, zu all diesen Fragen neu und weiter zu philosophieren.