Michael Shorny

Einleitung: Andere Geschichten der Philosophie

"Wir sind Zwerge auf den Schultern der Riesen" und selbst wenn wir originärer philosophierten und riesenhafter über unsere Philosophie dächten, als die europäisch-mittelalterliche Scholastik mit Bezug auf Platon und Aristoteles, hat unser Denken Geschichten, die uns bestimmen: Viele dieser Geschichten erzählen wir uns selbst als "Philosophiegeschichten". Und indem wir diese Geschichten erzählen, nennen wir immer auch das, was wir für unser Philosophieren als wichtig erachten, zählen auf, was an Schulen, Systemen und Philosophen wir für bedeutsam erachten, bestimmen, was Philosophie ist und was ihre Form, deuten vielleicht noch einen Sinn in die Abläufe und hierarchisieren Bedeutungen usw. - und das heißt auch, wir lassen beiseite, und mehr noch als wir ausdrücklich als irrelevant einstufen, ignorieren wir gänzlich, wir schweigen uns aus.

Europäische Philosophiegeschichten (das gilt auch für Kulturgeschichten) sind eurozentrisch (und auch androzentrisch), und dementsprechend eurozentrisch ist europäisches Philosophieren. Also verlangt unser Projekt eines interkulturellen Philosophierens auch das Interkulturalisieren der Philosophiegeschichtsschreibung.

Diese anderen, die interkulturellen "deokzidentierten" (Wimmer) Geschichten der Philosophie müssten also erstens die Reihe behandelter philosophischer Traditionen um nicht-europäische erweitern, zweitens daher auch "abendländische" philosophische Traditionen kulturell und geschichtlich kontextualisieren und sie als das vorstellen, woran wir denken, wenn wir "indische Philosophie" oder "lateinamerikanische Philosophie" sagen: als Regionalphilosophien. Drittens müßte die interkulturellen deokzidentierten Geschichten der Philosophie bisherige Strategien der Ausgrenzung und der Marginalisierung dekonstruieren, das betrifft etwa die Frage nach dem Begriff der Philosophie (der bezüglich der als einheitlich fingierten abendländischen Philosophie häufig viel schlampiger und vager gehandhabt wird als im Umgang mit nicht-abendländischer Philosophie).

Franz M. Wimmer stellt in seinem Beitrag "Philosophiehistorie in interkultureller Orientierung" "Thesen zu Gegenstand und Form" einer solchen Philosophiegeschichte vor. Vier der sechs Thesen befassen sich mit der Frage nach dem Philosophiebegriff; einen Aspekt dieser Fragestellung, die Abgrenzung von Religion und Philosophie, werden wir im Thema von polylog Nr. 5 (Juni 2000) anhand des Problembereichs von Erkenntnisquellen und Erkenntnisformen diskutieren.

Mario Magallón Anaya macht in seinem Beitrag "Historiographische Überlegungen zu einer Ideengeschichte Lateinamerikas" zweierlei: Zum einen rückt er das denken der Náhuatl in die Philosophiegeschichte ein, und zum anderen stellt er das lateinamerikanische Projekt einer "Historia de las ideas" vor: die Geschichte der "philosophischen Ideen als menschliches Verhalten" im Kontext sozialer, politischer, ökonomischer usw. Bedingungen zu erzählen.

Mubabinge Bilolos Beitrag unter dem Arbeitstitel "Geschichte der Geschichte der Philosophie als eine Geschichte der Ausgrenzung" können wir leider nicht bringen (der Autor konnte krankheitshalber den Artikel nicht fertigstellen, wir wünschen ihm gute Besserung), damit bleibt die Diskussion um eine afrikanische Philosophie und die Rolle des ägyptischen Denkens als eines afrikanischen für die afrikanische Philosophie bedauerlicherweise aus dieser Nummer weitgehend ausgeblendet.

Zuletzt stellen wir mit dem Beitrag von J.C. Plott et al. "Das Periodisierungsproblem" einen Vorschlag vor, der ungerechtfertigterweise bisher kaum Beachtung fand: Den Versuch, ein Periodisierungsschema zu finden, das sich nicht ausschließlich aus der Geschichte des Abendlandes ableitet, sondern aus einem "globalen" Blick auf die Geschichte der Philosophien in Europa und im nahen und fernen Osten. Der Text ist dem bis zum Tode Plotts 1990 bis zum Band fünf veröffentlichten Großprojekt einer "Global History of Philosophy" (als methodische Überlegungen) entnommen. Der Kürzung zum Opfer gefallen ist darin die von Jaspers her bekannte "Achsenzeit", die "Scholastik" und Teile der "Periode der Begegnungen": Zuletzt die in die Gegenwart reichende "Periode der vollständigen Begegnung".

Das - freilich nicht erschöpfend behandelte - Thema findet seine Abrundung in einem Gespräch mit Ingvild Birkhan aus Wien, die den Blick auf die Androzentrik der Philosophiegeschichte lenkt, Simo aus Yaounde, Kamerun (wo man nur einen Namen trägt) und mit Ram A. Mall aus München.