Mădălina Diaconu, Ursula Baatz

Einleitung

Die Natur als Bereicherung und Herausforderung der interkulturellen Philosophie

Dass der Gegensatz Natur – Kultur ein sozial­ und historisch bedingtes Konstrukt ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Der Naturbegriff ist im europäischen Kulturraum mit philosophischen Bedeutungen aufgeladen, schließlich hat das griechische Denken gerade als »Naturphilosophie« begonnen. Bereits die Frage, ob und wie »Natur« in unterschiedlichen Begriffsprägungen in diversen Kulturen zu finden ist, bietet ein breites Feld an historischen und systematischen Interpretationen. Zudem zeigt die Erweiterung und Umwandlung von »Natur«  zu »Umwelt« und  »Environment« in zahlreichen lebenswissenschaftlichen Disziplinen die Notwendigkeit, neue Fragen und Deutungen zu finden. Denn die »Natur« in ihrem traditionellen Sinne wurde zunehmend von einer setzenden Anfangsposition zu einem negativen Rest: Natur bedeutet nicht mehr nur das, was dem zivilisatorischen und kulturellen Werk vorausgeht, sondern auch das, was übrigbleibt, nachdem sich die menschlichen Handlungen aus der Welt zurückgezogen haben. Lauter als die Natur sind heute die Menschen, die verlangen, sie vor anderen Menschen zu schützen. Sozialpraktiken werden anderen Sozialpraktiken gegenübergestellt, sodass auf die eine oder andere Weise die Natur – ob als sogenannte erste, zweite oder dritte Natur, d.h. als Wildnis, als landwirtschaftlich kultivierte oder als künstlich-künstlerisch veränderte Natur – letztlich ein Ergebnis von menschlichen Handlungen darstellt.
Um der anscheinend verschwindenden Natur in der Gegenwart auf die Spur zu kommen, haben Philosophen nicht nur in einen interkulturellen, sondern auch in einen interdisziplinären Dialog (oder sogar Polylog) einzutreten, um solche Fragen wie die folgenden beantworten zu können: Welchen Anteil an »Natur« hat eine Kulturlandschaft? Wie unterscheiden sich die philosophischen Naturauffassungen in den Räumen, in denen die Wildnis weitgehend verschwunden ist (wie etwa in Europa) im Vergleich zu jenen Ländern, in denen der Schutz der Wildnis einen festen Bestandteil der Umweltpolitik bildet (wie etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika)? Wie verhalten sich das »Natur«-Verständnis der Vertreter der sogenannten »Grünen Revolution« zum »Natur«-Konzept des Weltagrarberichts »Agriculture at the Crossroads«? Welche Rolle haben die Menschen – als biologische Wesen auch ein Teil der »Natur« – in diesen Konzepten? Warum wird derzeit in China die Umweltästhetik stark rezipiert und weitergeführt, allerdings nicht als »environmental aesthetics«, sondern als »ökologische Ästhetik«, während die Regierung gleichzeitig plant, bis 2025 eine Viertelmilliarde Menschen vom Land in die Städte umzusiedeln? Wie reagieren andere Kulturen mit ehrwürdigen Denktraditionen und eventuell naturalistisch anmutenden Religionen auf die gegenwärtigen »Ökotrends« aus dem Westen? Warum wird in manchen Ländern das spontane Wachstum der Vegetation als genuines Beispiel von Kreativität und willkommene Alternative zur Überregulierung des öffentlichen Raums in der Stadt betrachtet, während sie in anderen das schiere Scheitern der Stadtplanung bestätigt? Wie lassen sich Maßnahmen zum Schutz der biokulturellen Diversität philosophisch untermauern, ohne in einen biologischen Determinismus zurückzufallen, der postuliert, dass ein hoher Grad an Biodiversität auch die kulturelle Diversität verstärkt? Und nicht zuletzt: was bedeutet dann environmental bzw. ecological citizenship?
Es wäre unrealistisch, die Beantwortung all dieser Fragen von der aktuellen Polylog-Nummer zu erwarten, doch ebenso wäre es unangemessen, die Herausforderung dieser Komplexität nicht anzunehmen. Die Beiträge zum Natur-Schwerpunkt ergänzen einander und lassen doch vieles offen, wobei sich die von den Autoren vertretenen Meinungen, wie bei jeder Nummer der Zeitschrift, nicht unbedingt mit jenen der Redaktion decken müssen.
Arnold Berleant gilt als einer der Gründerväter der environmental aesthetics, zu der er seit den 1970er-Jahren veröffentlicht hat und weltweit Vorträge hält; er war jahrelang Präsident der International Association of Aesthetics und ist emeritierter Professor der Long Island University (U.S.A.). Sein Aufsatz in dieser Polylog-Ausgabe nimmt zunächst seine Grundgedanken zur Ästhetik als Sinnlichkeitslehre wieder auf. Daraufhin gründet Berleant die »ästhetische Politik« auf der Idee eines »Gemeinguts der Wahrnehmung«, zu dem etwa Luft, Wasser oder Raum gehören; jeder Mensch hat Anspruch auf die Wahrnehmung dieser natürlichen Ressourcen, die sauber bleiben sollen, um seiner Gesundheit und seinem Wohlbefinden zu dienen. Aus dieser Perspektive wird die »Kooptation der Sinnlichkeit«, anders gesagt: die kommerzielle und profitorientierte Aneignung dessen, was im öffentlichen Raum wahrzunehmen ist, scharf verurteilt. Die Ästhetik als Wahrnehmungslehre ist nicht von einer engagierten Ethik und demokratischen Politik des Gemeinwohls zu trennen.
Der Beitrag des an der Universität Lagos (Nigeria) lehrenden Philosophen Chigbo James Ekwealo leitet den bio- und ökozentrischen Charakter der präkolonialen afrikanischen Ethik von der traditionellen afrikanischen Weltanschauung ab, die die Umwelt als ein Netzwerk von Energien betrachtet. Nach Ekwealo darf auch die postkoloniale afrikanische Ethik nicht mehr blindlings dem Anthropozentrismus der westlichen Ethik folgen, der bereits zu verheerenden Folgen für die Umwelt auch in den afrikanischen Ländern geführt hat, sondern sie soll vielmehr zur traditionellen Denkweise der Afrikaner, zu ihren Werten und ihrem Begriff von der Person zurückfinden, die nie allein den anderen gegenübersteht, sondern in ein Relationssystem integriert ist. Die eingestandene Nähe von Chigbo J. Ekwealo zur holistischen Ethik von Aldo Leopold und J. Baird Callicott wird durch das in der afrikanischen Weltsicht verankerte Prinzip »Leben und Lebenlassen« ergänzt und soll die Einstellung einer »existentiellen Dankbarkeit« nicht ohne einen religiösen Beiklang begründen helfen.
Hier schließt der Text von Ursula Baatz – Gründungsmitglied der WIGIP und des Polylog, Philosophin und Wissenschaftsjournalistin – an. Sie fragt am Beispiel des Buddhismus, ob es eine Verbindung zwischen traditionellen Vorstellungen von »Natur« und heutigen lebenswissenschaftlichen Konzepten geben kann. Die spontane Antwort wäre meistens »ja«, da unter dem Schlagwort »Green Buddhism« seit etwa fünfzig Jahren eine umfangreiche Diskussion begonnen hat, die eine traditionelle Naturverbundenheit des Buddhismus postuliert. Dabei wurden Fragen einer interkulturellen Hermeneutik vernachlässigt – ein koloniales Erbe dieser Debatten –, sodass die Frage nach dere selbstverständlichen ökologischen Relevanz des Buddhismus mit »nein« beantwortet werden muss.
Der nächste Aufsatz schöpft aus dem Gedankengut des »Polylogs«: Die Philosophin Ursula Taborsky zählt zu den Mitgründern und Vorstandsmitgliedern von »Gartenpolylog – Die GärtnerInnen der Welt kooperieren«, einem 2007 in Wien gegründeten Verein, der ein Netzwerk von interkulturellen Gemeinschaftsgärten in Österreich initiiert und betreut. Ihr Beitrag zur aktuellen Ausgabe zeigt, wie die interkulturelle Philosophie auch konkrete soziale Projekte inspirieren kann, und wirft mutig die Frage auf, ob »die Methode des gemeinsamen Gärtnerns als interkulturell philosophisches Projekt« gelten darf. Anhand auch konkreter Beispiele aus einer langjährigen Praxis macht sie anschaulich, wie die Diversität in den Gemeinschaftsgärten auf mehreren Ebenen, der Vegetation wie auch der Menschen, zurückverfolgt werden kann und wie sich diese potenzierte Vielfalt sowohl bereichernd als auch herausfordernd für das menschliche und gesellschaftliche Leben erweist. Denn die interkulturellen Gemeinschaftsgärten üben verschiedene Funktionen aus, nicht zuletzt als »interaktive Orte des Lernens«.
 Den Abschluss des Schwerpunkts »Natur« bildet ein Gespräch mit Karénina Kollmar-Paulenz, der Ordinaria für Religionswissenschaft an der Universität Bern zum »Natur«-Verständnis mongolischer Schamanen. Denen wird von Menschen aus den nördlichen Industriestaaten meist ein »ursprüngliches« Wissen um die »Natur« unterstellt,  doch zeigt Kollmar-Paulenz, dass es sich hier um eine Projektion handelt. In einem groß angelegten Projekt erforscht sie die Konstitutierung einer »Lehre der Schamanen« im 18. und 19. Jahrhundert in der Mongolei. Über das »Natur«-Verständnis  und seine Wandlungen im Zuge der Modernisierung berichtet sie in dem Interview – und merkt gleich zu Anfang an, dass es für »Natur« im Mongolischen kein eigenes Wort gibt. So bleibt die Frage nach der »Natur« am Schluss offen für weitere interkulturelle philosophische Fragen.