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polylog 29

polylog 29

sommer 2013

natur

Ursula Baatz & Mădălina Diaconu

Einleitung

Arnold Berleant

Die ästhetische Umweltpolitik

Arnold Berleant gilt als einer der Gründerväter der environmental aesthetics, zu der er seit den 1970er-Jahren veröffentlicht hat und weltweit Vorträge hält; er war jahrelang Präsident der International Association of Aesthetics und ist emeritierter Professor der Long Island University (U.S.A.). Sein Aufsatz in dieser Polylog-Ausgabe nimmt zunächst seine Grundgedanken zur Ästhetik als Sinnlichkeitslehre wieder auf. Daraufhin gründet Berleant die »ästhetische Politik« auf der Idee eines »Gemeinguts der Wahrnehmung«, zu dem etwa Luft, Wasser oder Raum gehören; jeder Mensch hat Anspruch auf die Wahrnehmung dieser natürlichen Ressourcen, die sauber bleiben sollen, um seiner Gesundheit und seinem Wohlbefinden zu dienen. Aus dieser Perspektive wird die »Kooptation der Sinnlichkeit«, anders gesagt: die kommerzielle und profitorientierte Aneignung dessen, was im öffentlichen Raum wahrzunehmen ist, scharf verurteilt. Die Ästhetik als Wahrnehmungslehre ist nicht von einer engagierten Ethik und demokratischen Politik des Gemeinwohls zu trennen.

Chigbo Joseph Ekwealo

Ndu mmili, ndu azu

Leben und leben lassen: eine afrikanische Umweltethik

Der Beitrag des an der Universität Lagos (Nigeria) lehrenden Philosophen Chigbo James Ekwealo leitet den bio- und ökozentrischen Charakter der präkolonialen afrikanischen Ethik von der traditionellen afrikanischen Weltanschauung ab, die die Umwelt als ein Netzwerk von Energien betrachtet. Nach Ekwealo darf auch die postkoloniale afrikanische Ethik nicht mehr blindlings dem Anthropozentrismus der westlichen Ethik folgen, der bereits zu verheerenden Folgen für die Umwelt auch in den afrikanischen Ländern geführt hat, sondern sie soll vielmehr zur traditionellen Denkweise der Afrikaner, zu ihren Werten und ihrem Begriff von der Person zurückfinden, die nie allein den anderen gegenübersteht, sondern in ein Relationssystem integriert ist. Die eingestandene Nähe von Chigbo J. Ekwealo zur holistischen Ethik von Aldo Leopold und J. Baird Callicott wird durch das in der afrikanischen Weltsicht verankerte Prinzip »Leben und Lebenlassen« ergänzt und soll die Einstellung einer »existentiellen Dankbarkeit« nicht ohne einen religiösen Beiklang begründen helfen.

Ursula Baatz

Buddhas Natur

Ökologiebewegung und Buddhismus

Ursula Baatz – Gründungsmitglied der WIGIP und des Polylog, Philosophin und Wissenschaftsjournalistin – fragt am Beispiel des Buddhismus, ob es eine Verbindung zwischen traditionellen Vorstellungen von »Natur« und heutigen lebenswissenschaftlichen Konzepten geben kann. Die spontane Antwort wäre meistens »ja«, da unter dem Schlagwort »Green Buddhism« seit etwa fünfzig Jahren eine umfangreiche Diskussion begonnen hat, die eine traditionelle Naturverbundenheit des Buddhismus postuliert. Dabei wurden Fragen einer interkulturellen Hermeneutik vernachlässigt – ein koloniales Erbe dieser Debatten –, sodass die Frage nach der selbstverständlichen ökologischen Relevanz des Buddhismus mit »nein« beantwortet werden muss.

Ursula Taborsky

Grüne Orte des Polylogs

Die Philosophin Ursula Taborsky zählt zu den Mitgründern und Vorstandsmitgliedern von »Gartenpolylog – Die GärtnerInnen der Welt kooperieren«, einem 2007 in Wien gegründeten Verein, der ein Netzwerk von interkulturellen Gemeinschaftsgärten in Österreich initiiert und betreut. Der vorliegende Beitrag zeigt, wie die interkulturelle Philosophie auch konkrete soziale Projekte inspirieren kann, und wirft mutig die Frage auf, ob »die Methode des gemeinsamen Gärtnerns als interkulturell philosophisches Projekt« gelten darf. Anhand auch konkreter Beispiele aus einer langjährigen Praxis macht sie anschaulich, wie die Diversität in den Gemeinschaftsgärten auf mehreren Ebenen, der Vegetation wie auch der Menschen, zurückverfolgt werden kann und wie sich diese potenzierte Vielfalt sowohl bereichernd als auch herausfordernd für das menschliche und gesellschaftliche Leben erweist. Denn die interkulturellen Gemeinschaftsgärten üben verschiedene Funktionen aus, nicht zuletzt als »interaktive Orte des Lernens«.

Karénina Kollmar-Paulenz

im Gespräch mit Ursula Baatz:

Ökonomisierung und Tradition

Haben mongolische Schamanen ein Verständnis für »Natur«?

FORUM

Franz Gmainer-Pranzl

Verständigung - Anerkennung - Identität

Zur kommunikationstheoretischen Rekonstruktion von »Kultur« bei Jürgen Habermas

REZENSIONEN

Moser, Susanne

Europäische Werte auf dem Prüfstand. (Zu: Regina Polak, Hg.: Zukunft. Werte. Europa. 2011) S. 85-87.

Gmainer-Pranzl, Franz

Der competence turn des interkulturellen Lernens. (Zu: Wilfried Dreyer / Ulrich Hößler, Hg.: Perspektiven interkultureller Kompetenz. 2011) S. 88-89.

Graneß, Anke

Ehre als Motor moralischer Veränderung. (Zu: Kwame Anthony Appiah.: Eine Frage der Ehre oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt. 2011) S. 90-93.

Scheidgen, Hermann-Josef

Zu: Hamid Reza Yousefi, Ina Braun: Interkulturalität. Eine interdisziplinäre Einführung. 2010. S. 93-95.

Graneß, Anke

Zu einer Zivilisation der Armut. (Zu: Raúl Fornet-Betancourt, Hg.: Kapital, Armut, Entwicklung. 2012) S. 95-99.

Diaconu, Madalina

Amerikanischer Pragmatismus entdeckt japanisches Zazen. (Zu: Richard Shusterman: Körper-Bewusstsein. Für eine Philosophie der Somästhetik. 2012) S. 99-102.

Graneß, Anke

Platons Umwege. (Zu: John Freely: Platon in Bagdad. Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam. 2012) S. 103-07.

Liste besprochener Literatur