Sarhan DHOUIB

Der arabische Frühling

Selbst nach zwei Jahren ist das, was in Tunesien im Dezember 2010 begann, sich wie eine Kettenreaktion über viele arabische Länder ausbreitete und später als »Arabischer Frühling« bezeichnet wurde, als Prozess noch nicht abgeschlossen. Es ist ebenso problematisch wie unverzichtbar aus dem Prozess heraus über ihn zu reflektieren. Der Charakter der Momentaufnahme, mehr oder weniger ausgeprägt, begleitet so alle Beiträge in diesem Heft.
Die vorliegenden Texte bieten eine Reflexion über den Begriff der Revolution, seinen Kontext und sein Ziel im Zuge des »arabischen Frühlings«. Sie analysieren einige Aspekte der wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Situation in ausgewählten arabischen Revolutionsländern. Ebenso versuchen sie, den demokratischen Transformationsprozess zu orientieren. Die Autoren stammen aus vier arabischen Ländern. Das aktuelle Heft beansprucht keine umfassende Analyse. Vielmehr geht es darum, exemplarische einzelne Stimmen zum Wort kommen zu lassen. Die Autoren bieten eine Innenperspektive, deren Polyphonie gleichwohl deutlich zum Ausdruck kommt.
Im Fokus der Untersuchungen von Fethi Meskini steht die Frage nach Identität und ihren Bedeutungen und Ausdrucksformen vor, während und nach der Revolution. Er behandelt zunächst die Frage, in welchem Sinne und für wen die jüngsten Revolutionen in Tunesien und Ägypten eine »Überraschung« darstellen. Vor diesem Hintergrund setzt er sich kritisch mit den Strukturen des autoritären Staates auseinander und behandelt dabei das Problem der »Eliten«. Er zeigt darüber hinaus, wie die Revolution aus einer produktiven Unzufriedenheit und entgegen einem eingeübten öffentlichen Schweigen unter der Diktatur entstanden ist und inwiefern sie als ein mikrohistorischer Prozess, der zu einer unabwendbaren positiven Verärgerung wird, zu erfassen sei. Er weist ebenfalls auf die wichtigen Kennzeichen und innovativen Ausdrucksformen des Protests der neuen Revolutionen hin. Dabei betont er, dass die Revolutionen vor allem in Tunesien und Ägypten jenseits der unterschiedlichen politischen und religiösen Identitätsentwürfe »lebenswichtig« seien. Sie lösen sich somit von einer autoritären Politik der Identität, wobei die Frage nach der Postrevolution (und Postidentität) bzw. nach der Demokratie mit bestimmten Schwierigkeiten behaftet bleibt.
Hassan Hanafi setzt sich in seinem Beitrag mit den kreativen Kräften der arabischen Revolutionäre auseinander und stellt den ganz eigenen Charakter der »arabischen Revolu­tion«, insbesondere ihren friedlichen Verlauf vor allem in Tunesien und Ägypten, in den Vordergrund. Er weist auf die Vorgeschichte der ägyptischen Revolution hin, die sowohl in zivilen Protestakten unter der Diktatur von Mubarak wie in der Revolution der »freien Offiziere« zu suchen sei. Trotz ihres friedlichen Verlaufs steht die ägyptische Revolution vor unterschiedlichen Herausforderungen, deren Problematik Hanafi entwickelt. Die Suche nach einer »arabischen Revolution« bietet ihm Anlass, einen durchaus ideologisch gefärbten Diskurs zum Panarabismus aufzunehmen.
Mit dem Einfluss der arabischen Jugend­bewegungen auf die Entstehung eines »reflexiven Individualismus« im Kontext des »arabischen Frühlings« beschäftigt sich Sari Hanafi. Er argumentiert, dass die Jugend sowohl ein Vektor für soziale und politische Veränderungen als auch für Apathie, sowohl politisch als auch a-politisch, sowohl religiös als auch säkular sein kann. Außerdem untersucht er die arabischen Aufstände als einen privilegierten Moment für das Verstehen der politischen Partizipation der gebildeten Jugend sowie der neuen sozialen Bewegungen und Formen des Aktivismus. In diesem Zusammenhang analysiert er die neue politische Subjektivität, die mit der Revolution entstanden ist, und erfasst sie als eine spezifische Form der Individualität, die er als »reflexiven Individualismus« bezeichnet. Der Beitrag von Sari Hanafi stützt sich auf Interviews mit Aktivisten, die an den Revolutionen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien teilgenommen haben.
In dem Beitrag von Adel Ben Abdallah werden die Transformationen des Begriffs des Bürgers am Fallbeispiel Tunesiens seit der Unabhängigkeitserklärung 1956 analysiert. Anlass für seine Analyse bietet die aktuelle Debatte um die Formulierung der neuen Verfassung in Tunesien und die Frage nach der Notwendigkeit menschenrechtlicher Normen für ein friedliches Zusammenleben. Zum einen unternimmt er eine normative Analyse des Begriffs des Citoyens bzw. des Bürgers. Zum anderen zeigt er die Schwierigkeiten, mit denen dieser Begriff unter der Diktatur von Bourguiba und Ben Ali trotz unterschiedlicher politischer und kultureller Kontexte behaftet bleibt. Nach der tunesischen Revolution wird die Frage nach dem Staatsbürger im Kontext des politischen Konfliktes zwischen Säkularen und Islamisten erneut gestellt und im Zuge der demokratischen Transformation reflektiert.
Im Mittelpunkt der Überlegungen von Azelarabe Lahkim Bennani steht die Aufgabe der zivilgesellschaftlichen und Menschenrechtsorganisationen von ausgewählten arabischen Staaten. Diese Aufgabe steht vor drei Herausforderungen: Analphabetismus, Armut und Arbeitslosigkeit. Für die Behandlung dieser Themen entwickelt er eine erste und eine zweite Perspektive. Die erste Perspektive begnügt sich mit dem Anspruch auf den Rechtsstaat. Sie wird vor allem von der alten Generation der arabischen Menschenrechtler vertreten. Die zweite Perspektive formuliert hingegen umfassende Ansprüche und fordert den Übergang von einem Rechtsstaat zu einem Sozialstaat, in dem die sozialen Rechte wahrgenommen werden müssen. Die maximale Forderung ist das Ergebnis der Protestbewegungen der arabischen »Jugend«. Der Autor macht die Zukunft des »arabischen Frühlings« von der Entwicklung bzw. Umsetzung der sozialen Rechte abhängig und mahnt, den Terminus der »Revolution« vorsichtig zu verwenden.
Mit dem Interview mit Georg Meggle wird eine Außenperspektive auf den »Arabischen Frühling« angestrebt. In dem Gespräch denkt Meggle über die Relevanz und Grenze des europäischen Sprachbildes »Arabischer Frühling« nach, wobei diese quasi vergleichende europäisch-arabische Perspektive als eine erste kritische Annäherung zum Thema Revolution angesehen werden kann. Darüber hinaus wird das Problem der Identität in Umbruchs- bzw. Identitäts-Krisen-Zeiten thematisiert und ihre Bedeutung auf nationaler und transnationaler Ebene reflektiert. Vor dem Hintergrund der Debatte um eine militärische Intervention in Libyen und in Syrien versucht Meggle, das brisante Thema der humanitären Intervention begrifflich zu klären. Hierbei geht er auch auf moralische Beurteilungskriterien bei konkreten Interventionsfällen ein. Im letzten Teil des Interviews berichtet Georg Meggle über seine akademische Erfahrung als Gastprofessor in Ägypten und hebt die Notwendigkeit der Unterstützung der Nachwuchswissenschaftler in der jetzigen Transformationsphase hervor. In diesem Zusammenhang schlägt er die Gründung einer Young Academy vor.
In den Rezensionen werden ausgewählte Publikationen von arabischen Philosophen und Intellektuellen besprochen. Damit soll dem europäischen Leser eine Tür in das gegenwärtige arabische Denken geöffnet werden. Insofern sie ihre Zeit in Gedanken fasst, trägt die Philosophie auf unterschiedliche Weise zum Verständnis der gegenwärtigen Situation bei.
Für die konstruktive Zusammenarbeit und die Übersetzung der Aufsätze bedanke ich mich bei Anke Graneß, Ina Khiari-Loch und bei Jameleddine Ben-Abdeljelil ganz herzlich.