Franz Gmainer-Pranzl
Bianca Boteva-Richter

Auf der Suche nach Methoden
interkulturellen Philosophierens

Einleitung

Das Projekt interkulturellen Philosophierens erfährt gegenwärtig eine Phase der Revision und kritischen Selbstvergewisserung. Nach einem spannenden Aufbruch und kreativen Entwicklungen in den vergangenen beiden Jahrzehnten, zu der auch die Entstehung der Zeitschrift polylog gehört, werden viele PhilosophInnen, die einer interkulturellen Orientierung folgen, von einer neuen Nachdenklichkeit eingeholt: Wie ist der bisherige Weg interkulturellen Philosophierens zu beurteilen? Inwiefern haben sich gesellschaftliche Realitäten und kulturelle Traditionen verändert? Fand interkulturelles Philosophieren Eingang in die universitären Institutionen? Kann man von einer Veränderung in der Problemwahrnehmung philosophischen Denkens sprechen, oder bleibt der akademische Diskurs unverändert – mit »interkultureller Philosophie« als einem »exotischen Zusatzfach«? Und schließlich: Wie wird interkulturell philosophiert? Gibt es Kennzeichen dieser Form der Auseinandersetzung? Trifft die vorausgesetzte Begriffsverwendung von »Kultur(en)« und »Interkulturalität« überhaupt noch die aktuelle Problemlage oder die Realität dessen, womit sich der Diskurs interkulturellen Philosophierens beschäftigt? Wie sind Methoden interkulturellen Philosophierens zu charakterisieren?
In den letzten Ausgaben von polylog kamen die Anliegen inhaltlicher und methodischer (Selbst-)Kritik vermehrt zur Sprache, so etwa in polylog 24 (Übersetzen) und polylog 25 (Das Projekt interkulturelles Philosophieren heute). Schon in polylog 20 (Universalismus), der Jubiläumsnummer zum zehnten Jahrgang der Zeitschrift, wurde ausdrücklich die Frage gestellt: »Gibt es einen Erkenntnisfortschritt durch interkulturelles Philosophieren?« (S. 69–82). Auch wenn sich interkulturelles Philosophieren nicht allzu sehr in der wissenschaftstheoretischen Reflexion über sich selbst verlieren sollte, sondern den Bezug zu aktuellen Fragen und fremd-/interkulturellen Problemstellungen wach halten sollte, bedarf es der aufmerksamen Wahrnehmung der eigenen diskursiven Entwicklungen sowie des Weges, den Philosophien in interkultureller Entwicklung gehen. Diesem Aspekt kritischer Selbstvergewisserung, nämlich der Frage nach den Methoden (was im Griechischen bekanntlich »Weg« bedeutet) interkulturellen Philosophierens, widmet sich diese Ausgabe von polylog. Natürlich ist klar, dass unterschiedliche philosophische Beiträge und Zugänge zur Herausforderung der Interkulturalität jenen Ansätzen und deren Methoden folgen, von denen das Spektrum der Philosophie überhaupt geprägt ist, seien dies transzendentale, analytische, phänomenologische, (post-)strukturalistische, postkoloniale, pragmatische oder konstruktivistische Zugänge; es gibt keine »interkulturelle« Methode in dem Sinn, dass diese klar von anderen Ansätzen und methodischen Ausrichtungen abgrenzbar wäre, genauso wenig wie eine einzige, für alle weltweit Philosophierenden verbindliche »supra-kulturelle« Metamethode. Dennoch ist das Ensemble interkultureller Philosophien von einer Problemwahrnehmung geprägt, die sich in einer bestimmten Art und Weise des Philosophierens auswirkt.
Eine Auswahl globaler Methoden kann nicht vollständig sein, deshalb stehen fünf Beiträge exemplarisch für unterschiedliche methodische Ausrichtungen und beleuchten die Suche nach »Methoden interkulturellen Philosophierens« von je eigenen Perspektiven her. Eike Bohlken stellt entsprechend der Methodik transzendentaler Philosophie die Rückfrage nach den Bedingungen von »Interkulturalität«, die er als allen Menschen zuzusprechenden Hintergrund von einer anthropologischen, semantischen und handlungsbezogenen Dimension her begreift. Der entsprechende Ansatz, der auch Fragen interkultureller Ethik mit einbezieht, versteht sich als »hypothetischer Universalismus«, der sich auf die strukturellen Voraussetzungen interkulturellen Verstehens bezieht, ohne inhaltliche Vorgaben zu machen. Josef Estermann differenziert sorgfältig zwischen unterschiedlichen Positionen interkulturellen Philosophierens und vertritt im Licht andiner Traditionen einen Ansatz »diatopischer Hermeneutik«, deren methodologischer Ausgangspunkt in der Beanspruchung durch einen »anderen Logos« besteht, der die Dominanz der eigenen Philosophie erschüttert. Das »Inter« als unaufhebbaren, offenen Prozess des Austausches und des Dialoges/Polyloges zu begreifen, ist zentraler Bestandteil dieser interkulturellen »Methode«. Cecilia Pires orientiert sich in ihrem sozialphilosophischen Beitrag an der interkulturellen Hermeneutik Raúl Fornet-Betancourts und entwickelt Aspekte eines interkulturell relevanten Diskurses rund um eine »Ethik der Solidarität«. Graham Parkes untersucht in seinem Beitrag Vertreter traditioneller ostasiatischer Philosophie und hebt in besonderer Weise den Aspekt der Leiblichkeit – als gelebte philosophische Praxis der Selbst-Kultivierung hervor: Diese Aktivität als Weg zur Veredelung des Selbst gilt als Voraussetzung zur Entstehung der Beziehungen zu anderen Menschen und zur Umwelt. Sie sichert somit als einziger Weg die Bewahrung der Welt. Momente wie etwa die Praxis der »Selbst-Kultivierung« oder das Hören mit einem »dritten Ohr«, aber auch die Integra­tion des eigenen Handelns und Denkens in den »Rhythmus des Kosmos« fordern europäische Formen des Philosophierens dazu heraus, Grenzen und Aporien ihrer eigenen Methodik wahrzunehmen. Hsueh-i Chen verlegt die Gewichtung der philosophischen Frage auf die interkulturell Philosophierenden und versucht die Akteure des interkulturellen Denkens zu charakterisieren. Diese subjektive Fokussierung ist nicht nur ostasiatischen Ursprungs; sie versucht beispielsweise in der Postkolonialisierungsdebatte einen Lösungsansatz für die durch die Kolonialisierungsgeschichte ausgelöste Identitätsproblematik zu finden. Zudem führt der Autor den interessanten Gedanken eines »inneren Polylogs« ein, den er mit der Hypothese einer »Arbeitsidentität« verbindet und als entscheidende Voraussetzung interkulturellen Philosophierens herausstellt.
Vielleicht kann ein Gedanke aus dem alten Text Philosophie als strenge Wissenschaft einen Anstoß dazu geben, eine Antwort auf die Frage nach den charakteristischen Methoden interkulturellen Philosophierens zu finden. Edmund Husserl, der diesen Aufsatz im Jahr 1911 als Kampfschrift gegen »Naturalismus« und »Weltanschauungsphilosophie« veröffentlichte, formuliert pointiert: »Die wahre Methode folgt der Natur der zu erforschenden Sachen, nicht aber unseren Vorurteilen und Vorbildern« (Hua XXV, S. 26). Liest man diesen Satz nicht essentialistisch, sondern kritisch-hermeneutisch, lässt sich ein entscheidendes Moment der Methodik interkulturellen Philosophierens hervorheben: nicht die Etablierung der eigenen Plausibilitäten, sondern die Wahrnehmung der vielen Stimmen, des Neuen und Ungewohnten, des Fremden bildet die Grundfigur interkulturellen Philosophierens. Zu dieser Weise der diskursiven Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gehört es, »dass deren Begriffe, Fragen, Methoden stets zu reflektieren sind hinsichtlich der für jeden Argumentierenden ärgerlichen Tatsache, dass es nicht eine und nicht eine endgültig angemessene Sprache, Kulturtradition und Denkform des Philosophierens gibt, sondern viele, und dass jede davon kultürlich ist, keine darunter natürlich«, wie Franz Martin Wimmer im ersten Heft von polylog (Nr. 1, 1998, S. 10) festhält. Von daher legt sich die Vermutung nahe, dass die Suche nach Methoden interkulturellen Philosophierens, der sich diese Ausgabe von polylog widmet, auch künftig von »polylogischen Verfahren« inspiriert sein wird – also von einer Diskurs- und Kommunikationsform, die der mitunter bedrängenden Herausforderung von Pluralität und Diversität auf konstruktive Weise zu begegnen vermag.