Fabian Heubel

Einleitung

Selbstkultivierung

Politik und Kritik im zeitgenössischen Konfuzianismus

   Wie lässt sich heute im deutschsprachigen Kontext über »chinesische Philosophie« sprechen? Die Beiträge des Themenheftes »Selbstkultivierung, Politik und Kritik im zeitgenössischen Konfuzianismus« markieren verschieden ausgerichtete Versuche, sich einer Beantwortung dieser Frage anzunähern. Im Unterschied zu einem hermeneutischen Ansatz, der sich, wie selbstverständlich, als klassisch angesehenen Texten der chinesischen Tradition zuwendet und meint, direkt über diese sprechen zu können, wird hier ein Ansatz umrissen, der vor allem von der Auseinandersetzung mit Entwicklungen in der zeitgenössischen chinesischsprachigen Philosophie ausgeht.
   Warum wird der Fokus der Aufmerksamkeit vom klassischen auf den zeitgenössischen Konfuzianismus verschoben, der doch, durch den Einfluss den die moderne westliche Philosophie auf ihn ausgeübt hat, ein zuinnerst hybrides Gebilde ist? Genau darin besteht eine Herausforderung, auf die eine interkulturelle Philosophie, die meint, das Eigene und das Fremde, das Europäische und das Chinesische (je nach Perspektive) trennen und einander kontrastiv gegenüberstellen zu können, kaum zu antworten vermag. Das Problematische eines Zugangs, der etwa griechisches und chinesisches Denken des Altertums vergleicht, besteht ja gerade in der mangelnden Reflexion auf die Verflochtenheit einer solchen Arbeit in moderne und zeitgenössische Entwicklungen des Philosophierens – vor allem die Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit eines solchen Ansatzes im Angesicht des modernen China und der dynamischen Transformationen im chinesischsprachigen Denken beginnen »uns« ins Bewusstsein zu treten.
   Chinesische Philosophie in Europa ist bislang selten mehr als ein historischer Gegenstand gewesen, der mit der Entwicklung moderner Philosophie und der Krise, mit der die intellektuelle Welt Chinas seit dem 19.Jahrhundert kämpft, wenig zu tun hat. Indem der zeitgenössische Konfuzianismus – in diesem Band geht es vor allem um den sogenannten »zeitgenössischen Neokonfuzianismus« (dāngdài xīn rújiā 當代新儒家), der sich nach 1949 in Hongkong und Taiwan herausgebildet hat – ins Zentrum rückt, wird die Perspektive in einer Weise verschoben, die es erlaubt, diesem bisher vernachlässigten Aspekt besser gerecht zu werden. Damit kommt eine Tendenz zur Professionalisierung der Beschäftigung mit außereuropäischer Philosophie zum Ausdruck, an deren Notwendigkeit kein Zweifel bestehen dürfte, die jedoch in der deutschsprachigen Philosophie auf eine Situation unzureichender Vorbereitung trifft. Insbesondere aus der Perspektive von Entwicklungen in der zeitgenössischen chinesischsprachigen Philosophie, für die inter- und transkulturelle Fragestellungen niemals schmückendes Beiwerk sein konnten, sondern konstitutive Bedeutung hatten und haben, tritt die Diskrepanz zwischen den Anforderungen an Philosophie in einer globalen Welt und die nach wie vor fest institutionalisierte Blindheit gegenüber allem, was jenseits des euro-amerikanischen Horizonts liegt, drastisch zutage.
   Wichtige Voraussetzung eines Philosophierens mit globaler Ausrichtung ist die Bindung von Philosophie an die Expertise in anderen Sprachen, weil sie aus der Borniertheit von in sich kreisenden Diskussionen über interkulturelle Methodik und über die Bedingungen  der Möglichkeit des Verstehens fremder Kulturen hinausführt, indem sie die spezifische Erfahrung mit nicht-europäischen Sprachen der Philosophie in aller Selbstverständlichkeit zu einem Ausgangspunkt philosophischen Nachdenkens macht. Zudem bedarf es einer gesteigerten Orientierung an philosophischen Problemen der Gegenwart, ohne die interkulturelle Philosophie dazu verdammt bleibt, in Allgemeinplätzen stecken zu bleiben. Die Beiträge des vorliegenden Themenheftes verbinden in diesem Sinne sinologische Expertise mit einem Thema, dem im Kontext chinesischer Philosophie eine herausgehobene Bedeutung zukommt: sowohl in der Wahrnehmung von chinesischer Philosophie im Westen (und dort vor allem in der US-amerikanischen Forschung), als auch innerhalb der Selbstwahrnehmung chinesischsprachiger Philosophie im 20. Jahrhundert, wird die Bedeutung einer Philosophie der Selbstkultivierung betont. Die vorliegenden Beiträge gehen von Selbstkultivierung als philosophischem Thema aus, versuchen dieses jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven zu problematisieren, indem sie es in das Spannungsfeld von Politik und Kritik rücken.
   Kai Marchal nähert sich dem Thema auf dem Wege einer Erörterung der Geschichte der Adaption und Anverwandlung liberaler Theorien in China, um diese sodann am Beispiel des komplexen Verhältnisses von zeitgenössischem Neokonfuzianismus und demokratischer Politik zu vertiefen. Móu Zōngsāns 牟宗三 Rezeption und Transformation der Philosophie Kants, vor allem seine Interpretation des Begriffs der Autonomie, stehen dabei im Zentrum. Ralph Webers Beitrag setzt ein mit der Situation konfuzianischer Selbstkultivierung im Kontext aktueller politischer Entwicklungen der VR China. Sein Beitrag zeigt, wie schwer es führenden Vertretern der neukonfuzianischen Bewegung fällt, Selbstkultivierung kritisch zu denken, das heißt nicht bloß als ideologischen Ersatz für die schwindende Legitimität des Marxismus-Leninismus im Rahmen des autoritären Regimes der kommunistischen Partei. Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung von Rafael Suters hochspezialisierter Erörterung des Begriffs der Kritik im Frühwerk von Móu Zōngsān verständlich. Mit Blick auf Móus erkenntnistheoretische Schriften untersucht er die Frage, ob es Móu gelungen ist, die kritische Philosophie Kants mit der konfuzianischen so zu vermitteln, dass sich von einer kritischen Transformation konfuzianischen Denkens sprechen läßt, oder ob er im Versuch, dies zu tun, nicht letztlich in einen kritikfernen Intuitionismus zurückgefallen ist, gegen den der Kritizismus Kants doch gerade gerichtet war. Aus der Konstellation, die diese Untersuchung mit den beiden vorhergehenden bildet, wird deutlich, dass dies eine Frage von beträchtlicher moralphilosophischer und auch politischer Relevanz ist. Aber welche Kriterien kommen eigentlich ins Spiel, wenn »wir« uns fragen, ob das Denken Móus dem modernen Maßstab von Kritik entspricht? Fabian Heubels Beitrag versucht dieser Frage nachzugehen, indem er das im zeitgenössischen Neokonfuzianismus wichtige Motiv der immanenten Transzendenz in das Spannungsfeld von europäischer Sinologie und kritischer Theorie stellt. Das Klischee vom Konfuzianismus als unkritisch und konformistisch wird mit der Spannung zwischen Denken der Immanenz einerseits und Kritik andererseits in Verbidnung gebracht, die das Werk von Michel Foucault, Gilles Deleuze und Theodor W. Adorno geprägt hat. Die Beiträge des vorliegenden Themenheftes eröffnen somit eine philosophische Perspektive auf Aspekte zeitgenössischer konfuzianischer Philosophie. Sie zeichnen ein komplexes Bild, in dem Entwicklungsmöglichkeiten enthalten sind, die zum Ausgangspunkt weiterer, durchaus kontroverser, Diskussionen werden könnten.