Nausikaa Schirilla

Das Projekt der interkulturellen Philosophie heute

Einleitung

   Dies ist die 25. Nummer der Zeitschrift polylog. Seit 1998 erscheinen regelmäßig jährlich zwei Ausgaben der Zeitschrift zu den unterschiedlichsten Schwerpunktthemen. Diese knüpfen einerseits an den klassischen Kanon philosophischer Forschung an wie »Ästhetik«, »Geschichte der Philosophie«, oder sie beleuchten aktuelle thematische Fragestellungen aus verschiedenen regionalen und philosophischen Perspektiven wie »Geld«, »Übersetzen« oder es werden – was seltener geschieht – regionale bzw. kulturelle Schwerpunkte gesetzt, wie »islamische Philosophie«. Das Redaktionsteam von polylog hat sich mittlerweile stark erweitert und ausdifferenziert, aber ein Anliegen verbindet alle, nämlich relevante philosophische Debatten aus allen, eben nicht nur systematischen sondern auch internationalen und kulturellen Perspektiven zu debattieren. Die Nummer 25 nehmen wir als Anlass für eine Zwischenreflexion. Es geht um eine Selbstvergewisserung, wo steht das Projekt »interkulturelles Philosophieren«? Obwohl oft an anderer Stelle von interkultureller Philosophie die Rede ist, hat polylog das interkulturelle Philosophieren im Titel – es geht uns um den Vollzug des Aktivität des Philosophierens, um die Debatte, um den Austausch und nicht um die Etablierung einer neuen Disziplin oder Teildisziplin. Die Ansätze interkulturellen Philosophierens sind sehr unterschiedlich, und sie werden es immer mehr – auch daher ist es unangemessen, von interkultureller Philosophie zu sprechen. Dennoch fragen wir uns: Wie etabliert ist interkulturelles Philosophieren? Wie hat es sich entwickelt? Was sind aktuell die wichtigsten Herausforderungen und drängende Themen? Der Zugang zu dieser Fragestellung ist aber auch ein partikularer, denn Selbstreflexion heißt auch: wie reflektiere ich, auf was hin etc., – so dass diese Zwischenreflexion stark durch Ansichten der Herausgeberin geprägt ist. Den Fragen der Zwischenreflexion nähern wir uns aus drei Perspektiven:

   Zum Einen wurden für interkulturelles Philosophieren relevante Persönlichkeiten, die entsprechende Professuren innehaben, viel publizieren oder Tätigkeit in den entsprechenden Vereinigungen ausüben, telefonisch inter­viewt. Die Fragen wurden von Nausikaa Schirilla zusammengestellt, die Interviews von Ursula Baatz durchgeführt. Die Interviewpartner sind größtenteils AutorInnen der ersten polylog-Ausgabe, so dass es interessant ist, ihre aktuellen Aussagen mit den Positionen aus der 1. Nummer 1998 zu vergleichen. Die Interviewfragen beziehen sich auf interkulturelles Philosophieren als Kritik des Eurozentrismus in der Philosophie und dessen Folgen, auf die praktische Realisierung interkulturellen Philosophierens, auf den Fokus, den interkulturelles Philosophieren legen sollte, auf das Verhältnis zu aktuellen theoretischen Entwicklungen wie postkoloniale Theorien, den Sozialwisssenschaften etc.? Abschließend wurde gefragt, welche Empfehlungen und Wünsche die Interviewpartner für polylog hätten.

   In einem weiteren Beitrag wird ein Blick auf die Institutionalisierung interkulturellen Philosophierens in einigen Curricula der Bachelorstudiengänge Philosophie im deutschsprachigen Raum (Österreich und Deutschland) geworfen. Es wird der Versuch unternommen, das so heterogene Projekt für Curricula zu operationalisieren. Als Ergebnisse sei angedeutet, dass es erste Erfolge einer curricularen Verankerung gibt, generell lässt sich eine interdisziplinäre und anwendungsbezogene Öffnung, aber keine interkulturelle Öffnung verfolgen.

   Zum Dritten enthält diese Ausgabe vier programmatische Beiträge, die der Selbstreflexion und vor allem einem Ausblick Raum geben. Gastautorin Nikita Dhawan kritisiert das Projekt interkulturelle Philosophie aus einer postkolonialen Perspektive und beschreibt andere Aufgaben für ein vergleichbares Projekt. Diese gehen vor allem in die Richtung Dekonstruk­tion kulturell fokussierter Vorstellungen, Ausarbeitung der Verwicklung der Philosophie in das koloniale Projekt und perspektivisch die Suche nach nicht-gewalttätigen Formen der Beziehung der Philosophie mit ihrem Anderen und damit auch dem nicht-philosophischen Anderen. Ihre pointierte, aber allgemein gehaltene Kritik an Ansätzen interkulturellen Philosophierens findet sich teilweise in den Interviewbeiträgen thematisiert, und manche Kritikpunkte gelten nicht für alle Autoren oder zumindest nicht in gleicher Weise, dennoch bietet dieser Beitrag vieles, was für interkulturelles Philosophieren Anlass zum Nachdenken geben sollte.
Zwei Redaktionsmitglieder beschreiben nun die aus ihrer Sicht zentralen Herausforderungen interkulturellen Philosophierens. Anke Graneß  analysiert  Fragen des Verhältnisses von Kultur und Philosophie  in interkulturellem Philosophieren und schließt mit einem Plädoyer für stärkere Bezüge  zu Fragen globaler Gerechtigkeit. Bertold Bernreuter verbindet mit der Differenzierung zwischen Zentrik und Zentrismen die Frage nach kultureller Bedingtheit und Universalisierbarkeit von philosophischem Denken und arbeitet die Hintergründe und Grenzen verschiedener Zentrismen in aktuellem interkulturellem Philosophieren heraus.

   Hans Schelkshorn wiederum setzt sich in einem sehr umfassenden Beitrag mit philosophiehistorischen interkulturellen Zugängen auseinander und stellt fest, dass der Diskurs der Moderne schwach rezipiert wird. Dies gilt eben auch für moderne Philosophien und Diskurse der Moderne in nicht-westlichen Gesellschaften. Er selbst legt eine modernitätskritische selbstreflexive Sichtweise der Moderne aus westlicher Perspektive dar und fordert für interkulturelles Philosophieren, sowohl die Kontroversen zum Diskurs der Moderne als auch moderne Auseinandersetzungen stärker zu rezipieren.
Nach einem Blick auf die polylog-Nummer 1 ist es in Bezug auf die Nummer 25 interessant festzustellen, dass für einige der dort angesprochenen Themen durchaus ein Erkenntnisfortschritt zu beschreiben ist, dass viele der damals aufgeworfenen Fragen aber noch gar nicht beantwortet sind und durchaus viele neue Fragen hinzugekommen sind. Fragen über Fragen – aber ist dies nicht das originäre Anliegen jeder wie auch immer verstandenen Philosophie?