Franz Wimmer

Übersetzen

Einleitung zu polylog 24

   Dass eine Zeitschrift, in der philosophische Themen in weltweiter Kommunikation angesprochen werden sollen, Übersetzungen enthält, liegt auf der Hand. Seit Beginn erscheint polylog auf Deutsch, aber die Texte darin waren zu einem guten Teil in anderen Sprachen geschrieben. In dieser Ausgabe sind alle Beiträge zum Thema sowie einer im Forum Übersetzungen. Das ist nicht immer so, aber es dürfte wenige Zeitschriften im Bereich der Humanwissenschaften oder der Philosophie geben, deren Inhalt vergleichsweise so viele Übersetzungen enthält wie polylog. Konkret gesagt: Etwa vierzig Prozent der in polylog seit 1998 veröffentlichten Texte – Aufsätze, Interviews, Berichte – wurden übersetzt.
Der Großteil wurde aus dem Englischen übersetzt, gefolgt von Spanisch, es waren aber noch einige andere Sprachen, aus denen wir deutsche Texte geformt haben. Dabei hatte die Redaktion immer wieder Hilfe von engagierten Menschen, denen wir sehr zu Dank verpflichtet sind. Der größte Teil der Übersetzungen stammt von Mitgliedern der Redaktion. Das war nicht geplant, vielmehr war die Idee, dass in Ländern des Südens – zum Beispiel in Mexiko oder Indien – ÜbersetzerInnen tätig sein würden, also dort, wo das moderate Honorar in europäischer Währung mehr wert wäre. Diese Absicht einer globalisierenden Auslagerung ließ sich mit dem seither dafür verfügbaren Nullbudget aber doch auch wieder nicht verwirklichen.
So übersetzt also meistens die Redaktion und fragt sich von Zeit zu Zeit, ob das denn notwendig ist. Ist es überhaupt noch notwendig, philosophische Texte aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen? Ist Englisch nicht die lingua franca der heutigen Wissenschaft, zunehmend auch der Philosophie? Wäre es nicht sinnvoller, um weltweit eine große Leserschaft zu erreichen, die Zeitschrift auf Englisch oder wenigstens in einer Mischung aus Deutsch und Englisch zu gestalten?
Selbstverständlich haben wir uns solche Fragen gestellt, und solange unser Redakteur Anand Amaladass die von ihm in Chennai gegründete Zeitschrift Satya Nilayam leitete, sind nicht wenige Nummern parallel in beiden Sprachen gestaltet worden. Sprachliche Vielfalt im gedruckten polylog halten wir jedoch nicht für sinnvoll – im Unterschied zum Internet, wo das sehr passend ist und vom Internetforum »polylog« verwirklicht wird.
Für polylog sind wir dabei geblieben: das ist erstens eine Zeitschrift für deutschsprachige LeserInnen und es gibt zweitens keinen – philosophisch interessanten – Grund, warum wir zwar aus dem Spanischen, Italienischen, Französischen, Portugiesischen, Türkischen, Arabischen und vielleicht aus dem Chinesischen übersetzen sollten, nicht aber aus dem Englischen. All das geschieht daher und ist ganz normal, wenn es sich um ein Projekt handelt, bei dem in Grenzen der Machbarkeit ein globales philosophisches Gespräch befördert werden soll. Wir halten es nicht für ausgemacht, dass alle philosophisch bedeutsamen Ideen der Menschheit in einer einzigen Sprache artikuliert werden, sondern gehen davon aus, dass alle Sprachen in dieser Hinsicht gleichrangig sind und dass jede Sprache ihre eigenen Vorzüge und Kompetenzen wie auch ihre Mängel hat.
Klarerweise ist das eine theoretische Gleichrangigkeit, denn in jedem internationalen Kontext hat eine These, die in einer der tradi­tionellen europäischen Hauptsprachen der Philosophie – wozu sogar das Spanische bis vor gar nicht langer Zeit nicht einmal gezählt wurde – entwickelt und veröffentlicht wird, wesentlich mehr Aussicht, ernst- oder auch nur wahrgenommen zu werden, als wenn dies in einer anderen Sprache geschieht. Und Sie lesen ja hier auch Aufsätze, die wir zwar aus dem Englischen übersetzen, die aber schon zuvor mehr oder weniger Übersetzungen waren – wenn ihre AutorInnen »eigentlich« in einer Sprache denken und schreiben, für die uns die Kompetenz fehlt. Das sind dann also bereits Übersetzungsreihen, und was Sie als Leserin oder Leser vorfinden, könnte unter Umständen so etwas wie das Ergebnis einer »stillen Post« sein – ein Text, der mehrere Hirne und Sprachen durchquert hat, wobei der Übersetzer als Autor des Gedruckten das »Original« nicht kennt und sprachlich auch nicht verstehen würde.
Ist so etwas zulässig? Müssten wir nicht ehrlicherweise bei den Überschriften die Reihenfolge umkehren und die ÜbersetzerInnen als AutorInnen (des gedruckten deutschen Texts) nennen, gefolgt von einer Zeile, die etwa lauten würde: nach einem [englischen, italienischen, türkischen, etc.] Text von NN? Es ist klar, dass in jeder Übersetzung bereits Interpretation geschieht, dass wortwörtliches Übersetzen nicht möglich und häufig sinnwidrig wäre und dass somit das Übersetzen – jedenfalls bei philosophischen Texten – eine eigenständige Schreibleistung darstellt.
Wenn wir in polylog also eine Übersetzung vorlegen, so lesen Sie einen philosophischen Text, den es so vorher noch nicht gegeben hat. Ist das nicht doch ein Verrat am Original, wie das italienische Schimpfwort besagt – traduttore traditore – also: Übersetzer sind Verräter? Es gibt hier allgemeine Gesichtspunkte und es gibt besondere Punkte, die fachspezifisch sind.
Der allgemeinste Punkt ist: Es gibt wahrscheinlich nicht ein einziges Wort, dessen Entsprechung in einer Zielsprache nur diejenige und zur Gänze diejenige Bedeutung hätte wie in der Ausgangssprache. Ein einfaches Beispiel: Das lateinische »et« entspricht dem deutschen »und« – aber die beiden Wörter sind doch nicht gleichbedeutend. »Et« kann auch »auch« heißen, bei »und« ist das nicht so. Daraus ergibt sich fachspezifisch die Frage: Wie ist das dann erst bei Wörtern, die wir mit »Wahrheit«, »Gerechtigkeit«, »Kultur« usw. übersetzen? Oder gar mit »Philosophie«? In philosophischen Texten kommen derartige Wörter unvermeidlich und häufig vor, stets haben sie lange und differenzierte Diskursgeschichten hinter sich, und so gut wie nie sind ihre Bedeutungen ohne Kenntnis dieser Geschichten verständlich. Raimon Panikkar, dem wir im vorliegenden Heft einen Nachruf widmen müssen, behauptete in polylog Nr.1, dass es im Sanskrit mehr als dreißig Begriffe gibt, die »Philosophie« bezeichnen. Ob das nun so ist oder nicht – beim Übersetzen ergibt sich allzu oft die Notwendigkeit, zwischen mehreren Wörtern wählen zu müssen, und es ist nicht immer überzeugend, ein Wort stets mit demselben Ausdruck zu übersetzen. Wenn das Ergebnis dann auch lesbar sein soll, darf es nicht mit allzu vielen Anmerkungen überfrachtet werden – und doch wären eigentlich immer wieder Kommentare erforderlich, damit jemand beim Lesen einigermaßen sicher sein könnte, dieselben Inhalte zu denken, die der ursprüngliche Autor ausdrücken wollte. Solche Kommentare müssten aber nicht nur die Terminologie in der Tradition des Originaltextes betreffen, sondern auch diejenige der Übersetzung selbst. Denn es macht einen Unterschied im Sinn, ob die Übersetzungssprache beispielsweise in einer phänomenologischen oder in einer analytischen Tradition steht.
Ein anderer allgemeiner Punkt betrifft den Stil, das Schreibverhalten, den Kontext. Es ist klar, dass hinter einem Text ein Mensch steht, mit persönlichem Stil, persönlicher Ausdrucksweise, und eine Übersetzung sollte auch dem entsprechen – eine schwierige Aufgabe, wenn jemand Texte verschiedenster AutorInnen übersetzt. Das kann nur in Maßen gelingen, der individuelle Stil der AutorInnen wird oft vom ebenso individuellen Stil der ÜbersetzerInnen überlagert. Es gibt da aber noch ein Problem, und das scheint bei philosophischen Texten besonders relevant: Neben individuellen Stilen gibt es noch so etwas wie »kulturelle« oder jedenfalls kollektive Stile des Schreibens, des Argumentierens und sogar des Denkens. Sie bilden sich auch in Schulrichtungen innerhalb eines Sprachraums heraus und es ist nicht immer leicht, ihre Eigentümlichkeit beizubehalten und trotzdem einen nachvollziehbaren Text zu formen.
Einen dritten Punkt möchte ich erwähnen. Ich meine Dinge, die scheinbar gar keine Übersetzung erfordern, wie Namen, historische Daten oder ähnliche Informationen. Es scheint trivial, dass man »1492« oder auch Eigennamen nicht übersetzen, letztere höchstens der deutschen Schreibweise angleichen muss. Aber das ist eben nur scheinbar trivial. Jeder solche Ausdruck ruft bei verschiedenen Menschen und in verschiedenen Kontexten auch verschiedene Assoziationen hervor. Meint »1492« die »Entdeckung Amerikas« oder die »Vertreibung der Juden aus Spanien«? Und wenn Ersteres: Ist damit der »Beginn der Neuzeit« gemeint oder die »Vernichtung der amerikanischen Hochkulturen«? – Mit »Confucius« oder »Nietzsche« verhält es sich kaum anders, denn auch Namen evozieren Unterschiedliches. Allgemein lässt sich kaum angeben, wie mit derartigen Differenzen umgegangen werden soll. Sie werden in unseren Übersetzungen immer wieder Anmerkungen von ÜbersetzerInnen vorfinden, die solche scheinbar triviale Dinge betreffen. Diese sind nicht als Beleidigung Ihres Menschenverstands gemeint, sondern sollen an Kontexte erinnern, die nicht ganz selbstverständlich sind.
Im ersten der folgenden Beiträge plädiert Anand Amaladass dafür, Übersetzer als interkulturelle Vermittler ernst zu nehmen. Er setzt sich darin mit Vorurteilen gegenüber dem Übersetzen auseinander und zeigt an der vielsprachigen Situation Indiens, wie eine Sprachkultur zu verarmen droht, wenn sie auf eine einzige Standardsprache reduziert wird. Von besonderem Interesse ist hier auch die Frage nach dem angemessenen Wiedergeben oraler Traditionen.
Ebunoluwa O. Oduwoles Beitrag über Sprache und die Authentizität der afrikanischen Philosophie behandelt systematisch die Frage nach dem Begriff und der Eigenart einer Philosophie, die afrikanisch genannt zu werden verdient. Dabei kommt einem ständigen Übersetzen und kritischem Analysieren von Begriffen die entscheidende Bedeutung zu, was vor allem an der von Wiredu vorgeschlagenen Entkolonialisierung philosophischer Begriffe entwickelt wird.
Mit Kwasi Wiredu haben Stefan Skupien und Britta Saal ein Gespräch über afrikanische Philosophie, interkulturelles Übersetzen und Aufgaben der (interkulturellen) Philosophie geführt, und auch dabei spielt das Problem der Sprache und des Übersetzens eine entscheidende Rolle.
Den Thementeil beschließt das Ergebnis eines Experiments, das von Bianca Boteva-Richter durchgeführt wurde. Wir wollten einen scheinbar kontextlos verständlichen Text als Stille Post durch eine Reihe von verschiedenen Sprachen gehen lassen und sehen, was zuletzt herauskommt. Das Ergebnis war erwartbar: Der Text hat sich verändert, ist zuletzt nur schwer wiederzuerkennen. Das Ermutigende dabei: Die Veränderungen sind auch Weiterungen, jede Übersetzung hat die Chance, in neuer Sprache auch neue Gedanken zu fassen.