Karl Baier & Mădălina Diaconu

Sinneskulturen

 

Die Thematisierung der Sinnlichkeit im Kontext interkulturellen Philosophierens umfasst verschiedene interessante Aspekte. Es geht um das Verständnis der menschlichen Sinne und der durch sie vermittelten Erfahrung in den Kulturen, um ihre unterschiedliche philosophische Reflexion und um Programme ihrer Kultivierung. Jenseits des heute oft vertretenen naturalistischen Ansatzes, der die menschliche Wahrnehmung auf kultur­invariante physiologische Prozesse reduzieren will, zeigt sich in den folgenden, Brasilien, Indien und China behandelnden Arbeiten, wie stark die Konstitution der Sinnlichkeit und ihre theoretische Reflexion von geschichtlichen Vorgaben, weltanschaulichen Horizonten sowie sozialen und kulturellen Praktiken abhängt. Treten die daraus erwachsenen Sinnesdiskurse in ein Gespräch ein, so kommen sowohl Unterschiede wie auch wechselseitige Lernmöglichkeiten an den Tag.
Adolfo Ramos Lamar, Fabio Zoboli und Miguel Angel Garcia Bordas entwickeln das Konzept einer sich auf dem Weg von Mimesis kulturell stets neu formierenden Leiblichkeit. In ihrem Ansatz verbinden sie europäische Konzepte wie Merleau-Pontys Phänomenologie, kulturanthropologisch orientierte Erziehungstheorie (Wulf, Gebauer)  und Foucault mit lateinamerikanischen Forschungen (Sérgio, Del Priore u. a.). Vor diesem Hintergrund wird ein kritischer Blick auf den brasilianischen Schönheitskult geworfen, der mittlerweile bereits im Kinderzimmer angekommen ist.
Vibha Surana skizziert daraufhin in einem Durchgang durch die einzelnen Sinne die ungeheure Vielfalt der indischen Sinneswelten und -Theorien und kontrastiert sie mit Philosophie und Alltagserfahrung aus Europa. Ihr Anliegen ist es, angesichts eines hochtechnisierten und beschleunigten Alltags von indischer Seite Impulse für eine ausgewogene Bildung der Sinne zu geben, die im Sinne Herders zur Entfaltung der Humanität beiträgt. 
Ernst Fürlinger ergänzt die Arbeit von Surana mit einer Studie zur Theorie und Praxis der Sinne im Tantrismus, wo die auch von ihr konstatierte Polarität von philosophisch-theologischer Abwertung der Sinne und kultureller Sinnesfreudigkeit, die in vielen Traditionen anzutreffen ist, auf beachtenswerte Weise überwunden wird. Wie die gesamte phänomenale Wirklichkeit gilt im nichtdualistischen Tantrismus auch die Kraft der Sinne als Gestalt der absoluten Wirklichkeit, die sich freilich auf einer groben, subtilen und höchsten Ebene unterschiedlich manifestiert, entsprechend dem Grad der Achtsamkeit und der inneren Beteiligung des Wahrnehmenden.
Fabian Heubel schließlich interpretiert den subtilen Umgang mit den Sinnen in der chinesischen Literatenkultur. Er prägt dafür den Begriff »Aistethik«, der besagt, dass es sich hierbei um ästhetische Übungsformen handelt, die zugleich ins Ethische gewendet werden können. Heubel entwickelt seine Interpretation anhand einer differenzierten kritischen Auseinandersetzung mit François Julliens philosophischer Deutung der chinesischen Kultur. Die chinesische Kultivierung der Sinne, wie er sie beschreibt, geht ebenso wie der Tantrismus nicht von einer Unterdrückung, sondern von der Verfeinerung der Sinne als Weg der Aufdeckung der im Alltagsbewusstsein verschütteten spirituellen Erfahrung aus.
Ebenso wie bei vielen anderen Themen eröffnet sich so ein riesiger Bereich, der aus interkultureller Perspektive noch viel zu wenig bearbeitet ist und auf dem in Zukunft noch wertvolle weiterführende Erkenntnisse zu erwarten sind. Wir hoffen, dafür einige Denkanstöße zu geben.