Anke Graneß

Einleitung: Kwasi Wiredus Konsensethik - ein afrikanisches Modell

Nachdem sich der Schwerpunkt der ersten Nummer unserer Zeitschrift verschiedenen theoretischen Fragen und Ansätzen eines interkulturellen Philosophierens gewidmet hat, steigen wir mit der Nummer zwei nun in die Praxis eines interkulturellen Philosophierens ein. Dies bedeutet natürlich nicht, daß damit alle theoretischen Probleme schon hinter uns liegen. Ganz im Gegenteil: alle in der letzten Nummer vorgestellten Konzepte und Fragen müssen und werden in den nächsten Nummern weiterdiskutiert werden. Den Anfang macht heute Hakan Gürses mit seinen Überlegungen zum Kulturbegriff.

Aber interkulturelles Philosophieren kann nicht nur in theoretischen Überlegungen über Begriffe wie Kultur, Philosophie oder Fragen des Verstehens bestehen, sondern besteht ganz wesenlich im philosophischen Polylog der Kulturen und Traditionen selbst. Aus diesem Grund wendet sich das Thema dieser Nummer einer bestimmten Region der Erde zu, die auf der Landkarte der Philosophie bis heute vielfach nicht verzeichnet ist. So werden hier bisher nicht gehörte Stimmen in den Polylog einbezogen und in einem ersten Schritt für unser Denken fruchtbar gemacht.

Mit der Diskussion eines zeitgenössischen philosophischen Projekts aus Afrika zu beginnen, schien uns aus zwei Gründen interessant. Zum einen wollen wir dazu beitragen, die bisher marginalisierten Theorien afrikanischer Philosophen und Philosophinnen mehr ins Zentrum der weltphilosophischen Debatten zu rücken. Zum anderen scheint uns das Projekt einer Konsensethik viele fruchtbare Ansatzpunkte zu bieten, die es gilt, in einem interkulturellen Polylog weiterzudenken, und zwar unter dem Gesichtspunkt einer universalgültigen Ethik ebenso wie unter dem Gesichtspunkt der Lösung regionaler Konflikte. Die Diskussion des Ansatzes durch die verschiedenen BeiträgerInnen dieser Nummer weist hier bereits Wege zum Weiterdenken auf. Weitere Stimmen wären für uns von großem Interesse und werden in den Foren der nächsten Nummern zu Wort kommen.

Das Projekt einer Konsensethik von Kwasi Wiredu ist für die gegenwärtigen Hauptströmungen in den Diskussionen der Philosophen und Philosophinnen dieses Kontinents nun insofern repräsentativ, als hier in sehr fruchtbarer Weise die Ergebnisse der Debatte um die Frage nach der Existenz einer afrikanischen Philosophie bzw. nach dem Afrikanischen an der afrikanischen Philosophie Eingang gefunden haben. Diese Debatte, die auch als Debatte zwischen EthnophilosophInnen und akademischen PhilosopInnen bezeichnet wird, stand ganz im Zeichen der Überwindung gängiger Stereotype von der Unfähigkeit des Afrikaners zu philosophischem Denken und der Suche nach einer eigenen selbstbestimmten Identität nach den Erfahrungen des Rassismus, Kolonialismus und Neokolonialismus. Die Philosophie in Afrika der letzten 30 Jahre wurde durch diese Debatte ganz wesentlich geprägt und hat heute ein Fundament geschaffen, auf dem selbstbewußt und frei sowohl unter Berücksichtigung der spezifischen historischen, sozialen und kulturellen Bedingungen des Kontinents, wie auch unter selbstverständlichem Rückgriff auf die Traditionen anderer Kontinente philosophiert werden kann.

Wiredus Ansatz ist über solche Grundlagendebatten längst hinaus. In seinem Philosophieren bezieht er sich kritisch sowohl auf afrikanische Traditionen und Weltanschauungen, als auch auf die europäische Tradition des Philosophierens, um Lösungen zu finden für gegenwärtige Probleme der afrikanischen Länder. In kritischer Distanz sowohl zu afrikanischen Traditionen und Denkansätzen wie auch europäischer Philosophien entzieht sich Wiredu beiden Extrempositionen der vorangegangenen Debatten (die der Ethnophilosophen bestand darin, zu den Wurzeln vorkolonialen afrikanischen Denkens zurückzukehren und somit eine unverfälschte afrikanische Authentizität wiederherzustellen; die der akademischen Philosophen bestand darin, die afrikanische Tradition als für heutiges Denken und Philosophieren unrelevant abzutun) und versucht, in einer Synthese neue Denkansätze zu schöpfen.

An Wiredus Projekt mag zudem deutlich werden, daß "afrikanische" Philosophie wirklich nichts mit Exotik, Mythen und Ritualen zu tun hat, wie häufig noch assoziiert wird, sondern daß es sich dabei vielfach um sehr politische und sozial engagierte Philosophien handelt, die versuchen, sich den brisanten Problemen eines sehr heterogenen Kontinents mit einer schwierigen kolonialen und neokolonialen Vergangenheit und gegenwärtigen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Situation zu stellen. Eine solche engagierte Philosophie, die sich den ganz unmittelbaren Problemen des heutigen Lebens stellt, ist auch für andere (sozio-historische, politische) Kontexte sehr anregend.

Unser Schwerpunktthema hat in dieser Nummer auch alle anderen Rubriken stark beeinflußt, aus dem einfachen Grund, daß es uns aufgrund der Unbekanntheit der philosophischen Diskussion auf dem afrikanischen Kontinent nötig schien, möglichst viele Informationen am Rande zu vermitteln. So werden im Rezensionsteil Standardwerke gegenwärtiger afrikanischer Philosophie und die interessantesten Neuerscheinungen rezensiert, das Interview mit der kenianischen Philosophin Christine Gichure macht auf die Situation an den afrikanischen Universitäten und die Arbeitsbedingungen afrikanischer Philosophen und Philosophinnen aufmerksam und auch die beiden Berichte zum Weltphilosophiekongreß in Boston konzentrieren sich besonders auf die Sektion afrikanische Philosophie und zeichnen damit ein Bild der momentanen Diskussionsschwerpunkte der afrikanischen Debatte.

Abschließend noch eine kurze Bemerkung zum Untertitel der Nummer zwei "Ein afrikanisches Modell". Über den Titel dieser Nummer gab es innerhalb unserer Redaktion intensive Diskussionen, die zwischen "Kwasi Wiredus Konsensethik", was zwar den Schwerpunkt beschreibt, aber aufgrund der Unbekanntheit Wiredus nicht sehr aussagekräftig wäre, und "Politische Philosophie in Afrika", was uns selbst in die Falle eines exotisierenden Umgangs mit nicht-europäischen Philosophien tappen ließe, denn wer würde z.B. eine Zeitschrift, die sich der Diskursethik widmet, mit "Politische Philosophie in Europa" betiteln, hin und her schwankte. Die Wortwahl erwies sich also als unerwartet schwierig. Mit dem nun gefundenen Titel und Untertitel hoffen wir einen Kompromiß gefunden zu haben, der sowohl unsere Leser anspricht, als auch Regionalsmen vermeidet bzw. nicht vorgaukelt, hier würde sich jemand auf die Suche nach dem "Afrikanischen" in der "afrikanischen" Philosophie begeben. Vielmehr ist es unser Ziel, in dieser Nummer einen konkreten, wie uns scheint sehr interessanten Ansatz eines ghanaischen Philosophen vorzustellen und ein interkulturelles Gespräch zu initiieren.