Karl Baier

Editorial: Subjektivität. Asiatisch-europäische Konstellationen

Der Themen-Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe versammelt ausnahmsweise nicht
Beiträge von Autoren aus unterschiedlichen Kulturen zu einem bestimmten Thema. Die vorliegenden Aufsätze zur Problematik der Subjektivität gehen auf einen Workshop zurück, den das Forum für asiatische Philosophie der Deutschen Gesellschaft für Philosophie im September 2007 im Rahmen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens) veranstaltete. Das seit 2005 existierende Forum vereinigt Akademiker des deutschen Sprachraums, die einen soliden philologischen Background für die Auseinandersetzung mit ostasiatischen Traditionen mitbringen und zugleich in ihrer Arbeit stark von philosophischen Interessen motiviert sind. Unser Angebot, dem Forum einen Themen-Schwerpunkt als Plattform anzubieten, entsprang einerseits der interessanten Fragestellung des Workshops, andererseits dem Wunsch diese begrüßenswerte Initiative, deren Etablierung im Rahmen der Deutschen Gesellschaft für Philosophie keine ganz leichte Sache war, zu unterstützen.
Die Autoren gehen nicht von einem terminologisch festgelegten Begriff von Subjektivität aus, sondern verhandeln unter diesem Titel verschiedene Ansätze und Konstellationen, in denen der Spielraum des Menschen sein Selbst- und Weltverhältnis zu gestalten, thematisch wird. Ihre Beiträge folgen, hier liegt ein weiterer Unterschied zu unseren sonstigen Themenschwerpunkten, überwiegend einem komparativen Ansatz. So vergleicht Sven Sellmer anthropologische Konzepte aus der griechischen Spätantike mit altindischem Denken. Die jeweiligen Philosophien werden als unterschiedliche Herangehensweisen an das Problem der Ausgesetztheit des menschlichen Subjekts interpretiert, die zu seiner Lösung bestimmte Strategien der Selbstformung propagieren. Richard King arbeitet das kognitive Element in praktischen Entscheidungen bei Aristoteles und Xun Kuang heraus und erläutert die Unterschiede zwischen den von ihnen vertretenen Formen eines Normen-Realismus. Stephan Schmidt analysiert, wie der Neokonfuzianismus anhand der Unterscheidung von Moralsubjekt und Erkenntnissubjekt auf die Herausforderung der Begegnung mit westlicher Philosophie antwortet. Er zeigt, dass die Metaphysik-Kritik eines Levinas inhaltlich und methodisch der neokonfuzianischen Kritik an der Vorherrschaft des Erkenntnissubjekts im westlichen Denken verwandt ist. Rafael Suters historisch orientierter Aufsatz knüpft bei der in der Auseinandersetzung mit ostasiatischem Philosophieren immer wieder gestellten Frage nach der Beziehung zwischen Sprach-Struktur und philosophischem Denken an. Er stellt an einem konkreten Beispiel aus der frühchinesischen Philosophie dar, wie eine Eigenart des altchinesischen Sprachbaus zu bestimmten sprachphilosophischen Überlegungen über das Verhältnis von sprechendem Subjekt, Sprache und Wirklichkeit führt. Florian Heubel geht es weniger um den Vergleich östlicher und westlicher Lehren, als um die transkulturelle Dynamik zwischen zeitgenössischer chinesischer und westlicher Philosophie. Er arbeitet in seinem Beitrag an einer kritischen Philosophie der Kultivierung, die sowohl an Foucault wie auch an chinesischen Quellen anknüpft und dadurch neue Horizonte erschließt.