Wolfgang Tomaschitz

Editorial: Weltzivilgesellschaft

Nicht nur als Hoffnung zivilgesellschaftlich bewegter Kreise und Netzwerke, auch in akademischen Analysen oder den Berichten, die für die EU-Kommission verfasst werden, wird angesichts globaler Herausforderungen und der Suche nach globalen Lösungen immer öfter die »Weltzivilgesellschaft« als neuer, gerade erwachender global player genannt. Der Konsens darüber, dass eine Entwicklung in Richtung globaler Netzwerke und Aktionsradien bemerkbar ist, deren wesentliche Merkmale Kooperation, Kommunikation und Orientierung am Gemeinwohl sind, wurde in der Einladung an die Autoren der hier vorliegenden Beiträge vorausgesetzt.
Gefragt wurde nach der Form, die eine solche Weltzivilgesellschaft voraussichtlich annehmen werde oder nach Meinung der AutorInnen annehmen sollte. Wird die Weltzivilgesellschaft institutionelle Formen ausbilden; Weltgerichtshöfe, Zukunftsräte, Watch-Institute und ständige Konferenzen, die die bestehenden Institutionen ergänzen, oder wird sie sich vorwiegend als Weltöffentlichkeit entfalten, wird sie sich eine Agenda geben und daher Formen berechenbarer Steuerung ausbilden oder wird sie überhaupt nur in Formen spontaner Intervention im öffentlichen Raum sichtbar werden, – das waren einige der Fragen, die uns zu dieser Einladung bewogen haben.
Die in diesem Heft versammelten fünf Aufsätze sind nicht nur Beiträge der »sitzenden«, akademischen Philosophie, sondern zumindest was Radha D’Souza, Dario Azzellini und in gewisser Weise auch Marlies Glasius betrifft, Beiträge von philosophisch reflektierenden AktivistInnen.
Einen guten Überblick über die aktuellen Bemühungen, die institutionellen, medialen oder auch flüchtig-aktionistischen Formen der Weltzivilgesellschaft zu fassen, bietet der Beitrag der niederländischen Philosophin Marlies Glasius. Sie selbst beurteilt die Tendenzen in Richtung einer weltweit agierenden Zivilgesellschaft optimistisch und traut diesen zu, Praxisfelder zu eröffnen, innerhalb welcher ein entscheidender Schritt in der Bewältigung der Krise repräsentativer Demokratien gerade vor dem Hintergrund der Globalisierung möglich wird.
Dieser Sicht würde auch Oliver Marchart, in Wien für seine einschlägigen Arbeiten zur »Bewegung« bekannt, beipflichten, der im vorliegenden Beitrag die produktive Kraft des Konzepts Weltzivilgesellschaft vor allem im Hervorbringen neuer Öffentlichkeiten sieht, innerhalb welcher Protest von globaler Relevanz formuliert und auf der Legitimität von Konflikten bestanden wird und damit fallweise globale Öffentlichkeit entsteht.
Hoffnungen anderer Art artikuliert der aus Teheran stammende und jetzt in London lehrende
Ali Paya, für den die Zivilgesellschaft im Kontext muslimischer Gesellschaften an sich schon die Aussicht auf Distanzierung und Relativierung fundamentalistischer religiöser Standpunkte verspricht. Der Beitrag, der durch eine solche inner-islamische Wende weltweit geleistet werden könnte, liegt auf der Hand: muslimische Zivilgesellschaften könnten, wenn sie entstehen, genau zu jenem Gespräch mit anderen Gesellschaften, auch säkularen, in der Lage sein, das derzeit muslimisch dominierten Nationalstaaten so schwer fällt.
Die größte Vorsicht, ja Skepsis wird dem Begriff einer Weltzivilgesellschaft von Seiten der indischen Philosophin und Aktivistin Radha D’Souza entgegen gebracht. Selbst jahrelang in existenzielle Auseinandersetzungen um Grundrechte auf natürliche Ressourcen wie Wasser und Ackerland und höchstgerichtliche Entscheidungen verwickelt, sieht D’Souza im Begriff der Weltzivilgesellschaft in der Hauptsache den Versuch, einer neuerlichen Bemäntelung imperialistischer, westlicher Interessen, die sich nun nicht nur durch Entscheidungen von Regierungen legitimieren, sondern gar durch den Willen ihrer zivilen Bevölkerung.
Ähnlich skeptisch bleibt Dario Azzellini, für den Gramsci die definitiven Begriffe von Zivilgesellschaft und jedweder Bewegung von unten vorgibt, der aber hinter dem, was sich heute als globale Zivilgesellschaft bemerkbar macht, doch auch die Anstrengung der konstituierenden Macht erkennt, gegenüber der schon konstituierten Macht nicht ins Hintertreffen zu geraten. Demnach wäre die Zivilgesellschaft zwar nicht der maßgebliche, aber ein unverzichtbarer Akteur bei dem Versuch, das Spiel von Macht und Gegenmächten, die je und je in die Waagschale geworfen werden müssen, offen zu halten.
Was ist das Ergebnis unserer Befragung? Aus der Sicht der AktivistInnen ist der Ertrag wahrscheinlich
enttäuschend. Denn die Weltzivilgesellschaft ist nach Auskunft der Philosophie ein unsicherer Kantonist. Mal schlafend, mal wachend, aber unvorhersehbar, wenig steuerbar, auch für die besten Absichten kaum verlässlich einzuspannen und zudem mit unsicherem Subjektstatus. An wen wendet man sich, wenn man an die Weltzivilgesellschaft appelliert und wer handelt, wenn sie in Aktion tritt?
Aus der Sicht der interkulturellen Philosophie muss man mit dem Ertrag zufrieden sein: in Summe vertiefen die hier versammelten Beiträge die Einsicht, dass der Begriff Weltzivilgesellschaft leicht von einer rhetorischen politischen Philosophie in den Dienst genommen werden kann, und damit die Gefahr entsteht, dass ein in bestimmten regionalen, historischen und politischen Konstellationen brauchbares Modell zum Weltmaßstab aufgeblasen und so die Phänomene und das, was vor Ort Not tut, eher verschleiert als erhellt wird. Ein Mangel an Differenzierung, gegen den unter anderem das interkulturelle Philosophieren erfunden wurde.