Anke Graneß & Jameleddine Ben-Abdeljelil

Editorial: Philosophie im Islam

Der »Islam« steht seit einigen Jahren im Zentrum vieler Diskussionen, Zeitungsartikel, Talkshows – und nicht zu letzt der Sicherheitspolitik Europas und Amerikas. Seien es die Kriege im Irak oder Afghanistan, sei es der Anschlag auf das World-Trade-Center, sei es die Integration von MigrantInnen, das Tragen von Kopftüchern in der Schule, der Karikaturenstreit in Dänemark oder der Papst Vortrag in Regensburg, um nur einige Stichworte zu nennen – überall scheint es um den »Islam« zu gehen.
Ob es in diesen Fällen wirklich um diese große Weltreligion oder im Kern um ganz andere Dinge geht, soll hier bei uns im polylog nicht erörtert werden. Wir möchten auch nicht die große Frage beantworten, was der »Islam« nun eigentlich ist, denn das ist wohl eher eine theologische. Wir wollen vielmehr unseren Beitrag zu diesem überhitzten Thema aus einer ganz anderen Richtung leisten, nämlich in dem wir Philosophen und Philosophinnen aus islamisch geprägten Ländern zu Wort kommen lassen. Denn uns interessiert nach all den mehr oder weniger tief greifend geführten Debatten vor allem das eine: Was ist eigentlich aus der großen islamischen Philosophie des Mittelalters, die geprägt wurde von Namen wie Ibn Khaldun, Ibn Arabi, Ibn Ruschd u. a., geworden? Was sind die Themen in der Philosophie im islamischen Raum heute? Wie gehen Philosophen und Philosophinnen mit den brennenden Fragen in ihren Ländern um, und was ist ihr heutiger Beitrag? Inwieweit wird heute unter der in der islamischen Welt sehr großen Dominanz der Religion Philosophie gemacht und womit beschäftigt sich diese? Wo wird Philosophie gemacht, welche philosophischen Schulen gibt es heute, wer sind die einflussreichen Philosophen und Philosophinnen?
All diese Fragen haben wir unseren Autoren und Autorinnen gestellt und manche wurden in den eingegangenen Beiträgen beantwortet, andere auch nicht. Gerade die sehr spannende Frage, wie in den Ländern, die unter einer großen staatlich sanktionierten Dominanz der Religion leben, die Situation der Philosophie heute ist, wurde uns nicht beantwortet. Dieser Fakt allein mag eine Antwort sein, vielleicht haben wir aber auch die Frage falsch gestellt.
Generell kann man feststellen, dass die Philosophie im arabisch-islamischen Kontext sich selbst zum Thema macht, denn die klassische Definition von falsafa ist nicht mehr befriedigend und ausreichend als Antwort auf die Frage, was moderne arabisch-islamische Philosophie ist oder sein soll. Zugleich drängen die pragmatische Ökonomisierung und Technisierung auf globaler Ebene die Präsenz der Philosophie zurück, ein Phänomen das nicht nur in den arabisch-islamischen Länden feststellbar ist. Hier kommt jedoch verschärfend hinzu, dass Philosophie sowohl in religiösen wie auch politischen Machtkreisen als störendes Element betrachtet wird. Denn die gegenwärtige Philosophie bleibt nicht bei der Analyse des reichen Erbes der mittelalterlichen falsafa stehen, sondern wendet sich den heutigen Problemen zu und fordert u. a. Modernisierung auf den Bereich der Werte und politischen und juristischen Institutionen auszudehnen. Damit nimmt die Philosophie an der spannenden gesellschaftlichen Dynamik teil, unterstützt und bereichert soziokulturelle, politische und intellektuelle Diskurse und kommt natürlich auch in einen Interessenkonflikt mit bestimmten Machtkreisen. Dies kann z. T. die Absenz bzw. das Verbot der Philosophie auf akademischer und Schulbildungsebene
in einigen arabisch-islamischen Länden (z. B. in Saudi Arabien und anderen Golfstaaten), die diese noch immer als Form der Häresie und Bedrohung der hegemonialen traditionalistischen Machtstrukturen sehen, erklären. Dabei hat der freie Diskurs der Vernunft in der Geschichte der islamischen Philosophie durchaus Tradition, wie die Arbeiten von Ibn Ruschd oder Al-Ghazali beweisen. Dass es das Anliegen der heutigen Philosophen und Philosophinnen ist, diesen freien Diskurs wieder zu beleben, zeigen die hier im Polylog versammelten Beiträge:
Die Beiträge von Mohamed Turki und Sari Hanafi wenden sich aktuellen, ja brennenden Problemen der arabisch-islamischen Welt zu nämlich der Frage der Demokratie und der Frage nach dem Verhältnis der arabisch-islamischen Welt zum Westen.
Turki, Philosoph an der Universität Tunis, analysiert mit Hilfe des palästinensischen Philosophen Hisham Sharabi die Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen in der arabischen Welt und versucht Auswege aus der gegenwärtigen Krise aufzuzeigen. Sharabi fordert eine umfassende »zivilisatorische Kritik der realen Verhältnisse in der arabischen Gesellschaft der Gegenwart«, denn die dort vorherrschende patriarchalische Gesellschaft hat sich zwar für die ökonomische Entwicklung und die rasche Modernisierung der Infrastrukturen sowie der Produktionsstätten eingesetzt, aber die die Moderne tragenden Werte und Rechtsnormen wie Gedanken- und Meinungsfreiheit oder Wahlrecht vernachlässigt oder gar bewusst unterdrückt. So ist eine wirkliche Modernisierung und Demokratisierung der arabischen Länder nicht möglich. Als notwendig betrachtet Turki die Aufhebung der patriarchalischen Strukturen ohne äußeren Zwang oder den Import westlicher politischer Systeme, vielmehr von innen heraus und in einem interkulturellen Dialog mit der westlichen Welt.
Hanafi, ehemaliger Direktor des Palästinensischen Diaspora- und Flüchtlingszentrums (Shaml) in Ramallah und z. Z. an der Amerikanischen Universität in Beirut (Libanon) tätig, greift in seinem Beitrag den Streit um die im Herbst 2005 in einer dänischen Zeitung veröffentlichten Mohammed Karikaturen auf, in dessen Verlauf es in der arabischen Welt zu heftigen Protesten und gewaltsamen Ausschreitungen gekommen ist. Hanafi zeigt, dass dieser Ausbruch weniger mit der Beleidigung religiöser Gefühle zu tun hatte als vielmehr ein Zeichen für einen Radikalisierungsprozess ist, zu dem auch der Angriff auf das World-Trade-Center gehört. Diese Radikalisierung wurde hervorgerufen durch ein Klima der politischen und kulturellen Hegemonie des Westens gegenüber den arabischen Staaten, ein Klima der Erniedrigung sowohl im Umgang mit den arabischen Staaten wie auch mit arabischen MigrantInnen in Europa und den USA. Insofern betrachtet Hanafi den Karikaturenstreit als Beispiel für eine Kontroverse, die eine kulturelle Hegemonie und Machtstruktur reflektiert und weder Zensur noch Meinungsfreiheit betrifft, sondern die Frage, wie man Universalismus definieren kann.
Zerrin Kurtoğ lu, die an der Ägäis-Universität (Ege Üniversitesi) in Izmir (Türkei) lehrt, analysiert die ganz grundlegende Frage, was »islamische Philosophie« eigentlich sei. Sie zeigt, dass ein Begriffskonstrukt wie »islamische Philosophie« zu vielen Missverständnissen führt, da hier Philosophie als nur im Rahmen von Religion tätig zu sein scheint, also eher Theologie als Philosophie ist. Dies wird aber weder der gegenwärtigen Philosophie gerecht, noch der falsafa-Tradition, der arabischen Philosophie des Mittelalters. Ein orientalistisches Verständnis, das diese Tradition entweder nicht als echte Philosophie anerkennt oder auf Theologie reduziert, lehnt Kurtoğlu ab. Anhand des Philosophen al-Farabi zeigt sie, dass die falsafa keinen wesenhaften Zusammenhang mit der islamischen Offenbarung hat, sondern vielmehr eine Tradition ist, die Philosophie in platonischer und aristotelischer Manier als Wahrheitssuche definiert. Falsafa ist lediglich insofern »islamisch«, als sie in der islamischen Welt entstanden ist und diese historisch-kulturelle Erfahrung in Begriffe fasst. Zur Vermeidung solcher Missverständnisse schlägt Kurtoğlu vor, statt »islamische Philosophie«, eher die Bezeichnung »Philosophie in der islamischen Welt« zu verwenden.
Der Beitrag von Souleymane Bachir Diagne, Philosoph aus dem Senegal, der lange Zeit an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar gelehrt hat und heute Professor an der Northwestern University in den USA ist, eröffnet uns einen neuen Blick auf den Philosophen, Poeten und Politiker Muhammad Iqbal, der vielen sicherlich vor allem als Gründungsvater Pakistans bekannt sein dürfte. Muhammad Iqbal (1877–1938) studierte in Europa, u. a. in München, Philosophie und hinterließ nicht nur ein breit gefächertes dichterisches Vermächtnis, sondern beeinflusste darüber hinaus Politik und Philosophie in einer nachhaltigen Art und Weise. Bis heute üben seine Werke großen Einfluss in der islamischen Welt aus und werden gerade auch von radikalen Bewegungen gerne herangezogen. Dass dies ein Missverständnis seiner Arbeiten ist, zeigt Diagne überzeugend.
Ein großer Teil der philosophischen Arbeit in den islamisch geprägten Ländern beschäftigt sich mit den führenden mittelalterlichen Philosophen. Dabei werden ihre Theorien allerdings heute an den gegenwärtig zu beantwortenden Fragen gemessen, wie Sarhan Dhouib, Philosoph aus Tunesien, in seinem Beitrag zur Aktualität von Ibn Ruschd für die arabisch-islamischen Philosophie der Gegenwart zeigt. Dazu zieht er die Arbeiten des bei uns noch wenig bekannten marokkanischen Philosophen Mohamed Mesbahi heran, der auf der Grundlage Ibn Ruschds und in kritischer Auseinandersetzung mit Huntingtons These vom Kampf der Kulturen eine innovative These zum Thema »Dialog der Kulturen« entwickelt. Mesbahi fordert dazu auf, das Selbst kritisch zu denken, und zwar in der Tradition arabischer Philosophen wie Ibn Ruschd. Sehr interessant für westliche Philosophen, die durch das Projekt der Postmoderne einen eher kritischen Blick auf die Moderne erhalten haben, ist sicherlich Mesbahis Verständnis von Moderne als einem neutralen Ort, einem gemeinsamen Raum, in dem sich der Dialog der Kulturen entwickeln kann.
Der Beitrag von Abbas Manoochehri, Professor an der Tarbiat Modarres Graduate School in Teheran (Iran), beschäftigt sich mit Ibn Khalduns Konzept der Asabiyya und seiner Sozialphilosophie des ‘Umran. Ibn Khaldun definiert die Natur des Geschichtlichen in einer neuartigen Weise als soziale Prozesse. In seinem Konzept des ‘umran begreift er menschliches Leben als ein konkret in seiner Gesellschaftlichkeit und Geschichtlichkeit gelebtes. Zentral in seinem Konzept ist der altarabische Begriff Asabiyya, übersetzt etwa »Stammeszugehörigkeitsgefühl« »Blutsbande« oder »Sippensolidarität«. Er dient Ibn Khaldun zur Erklärung der Legitimität von Staatsmacht, die für ihn eine wesentliche Voraussetzung für die Gründung und den Erhalt der weltlichen Macht in jeder Epoche der Geschichte ist. Mit dem schwankenden Zusammenhalt der Asabiyya erklärt Ibn Khaldun Aufstieg und Fall von Zivilisationen.

Unserem ursprünglichen Anspruch, Beiträge aus allen Regionen der islamischen Welt in dieser Nummer zu vereinen, konnten wir leider nicht gerecht werden – auch aufgrund der begrenzten Seitenzahl einer polylog-Nummer. So steht das Interview von Ursula Baatz mit Asghar Ali Engineer stellvertretend für die Region Südostasien, die sicherlich einen viel größeren Platz verdient hätte, nicht zu letzt wegen der großen Anzahl von Muslimen in diesem Teil der Welt. Engineer, renommierter Islamgelehrter und Direktor des Centre for Study of Society and Secularism in Mumbai (Indien), wurde international bekannt durch seinen Einsatz für religiöse Toleranz in seiner Heimat Indien. Für seine Reformbemühungen wurde er 2004 mit dem Alternativen Friedensnobelpreis gewürdigt.
Der Literaturbericht von Jameleddine Ben-Abdeljelil erörtert zusammenfassend die Schwerpunkte der philosophischen Arbeit im arabisch-islamischen Raum heute: dazu gehören Arbeiten zu den mittelalterlichen islamischen Philosophen, Werke zur Philosophiegeschichte und Arbeiten, die sich mit der Definition des Philosophierens und der Vernunft befassen. Ben-Abdeljelil kommt nach seiner Recherche allerdings ebenso wie Turki und Dhouib zu dem Schluss, dass die Philosophie in der arabisch-islamischen Welt sich in einer Krise befindet aufgrund des Fehlens einer eigenen modernen Aufklärung.
Im Teil Bücher und Medien sind einige Buchtipps zu weiterführenden Veröffentlichungen zu finden, auch zu Fragen, die in den hier veröffentlichten Beiträgen nicht angesprochen wurden, z. B. zum Islam in Afrika. Abschließend möchten wir auf die folgende Website verweisen: www.muslimphilosophy.com.
Hier findet man viele Bücher und Artikel zur Philosophie im islamischen Raum, sowohl klassischer wie auch gegenwärtiger Autoren, außerdem ein sehr nützliches Wörterbuch der Begriffe der islamischen Philosophie und das »Journal of Islamic Philosophy«, das gerade in seiner zweiten Ausgabe erschienen ist.
Aus Platzgründen konnten nicht alle zu diesem Thema eingegangenen Beiträge in dieser Nummer veröffentlicht werden. Hier nicht berücksichtigte Beiträge werden in der Dezember Nummer (18) 2007 erscheinen.