Tina Ambos & Martin Ross

EINLEITUNG

Nach einer Reihe von politisch aktuellen Schwerpunkt-Themen in polylog widmet sich diese Nummer einem ästhetischen Thema: den Darstellungsformen von Philosophien. Oft wurde uns bewusst, dass wir viele Stimmen im Polylog der Philosophien nicht hören können, weil wir sie nicht mit den geeigneten Mitteln (Sprache? Texte? Bilder? Tanz?) wahrnehmen. Die Geschichten der abendländischen Philosophien wie auch jene anderer Kulturen, treffen meist – explizit oder implizit – starke Annahmen darüber, was Philosophie sein kann. Während die Frage, an welchem Inhalt Philosophie manifest wird, und die sich daraus ergebenden Probleme von Anfang an ein Anliegen von polylog waren, hatten wir eher wenig Aufmerksamkeit für die Frage, in welchen Formen Philosophien erscheinen können. Sie wurde innerhalb der europäischen philosophischen Schulen seit Platon wohl diskutiert, doch kaum im interkulturellen Kontext – und selten wurden nicht-sprachliche Formen als philosophische »zugelassen«. Da auch hier unser Medium die Zeitschrift ist, lässt man sich nur allzuleicht dazu verleiten, der Philosophie oder dem Philosophieren einzig die schriftliche Form zuzuordnen, doch haben wir versucht, eine buntere Palette an Darstellungsformen und Perspektiven auf diese zu zeigen.
Nicht nur die Darstellung, also die Manifestation von Philosophie, sondern auch die Art und Weise, wie sie weitergegeben, gelehrt und schlussendlich verstanden wird, ist entscheidend. Natürlich ist auch die Frage relevant, wieweit Philosophien Mitgliedern anderer kulturellen Kontexte zugänglich sind. Hier scheint das klassische Publikationswesen das beste Werkzeug zu sein. Allerdings: Wer oder was bestimmt, welche Darstellungsformen »zugelassen« werden? Der Jahrhunderte alte akademische Diskurs in Europa hat philosophisch-literarische Formen hervorgebracht, die sicherlich erfolgreich waren, erfolgreich in Bezug auf intellektuelle Überzeugungsabsichten. Dialoge, Quaestiones disputatae, Essays, Abhandlungen und wie sie alle heißen haben die Kultur der traditionellen scientific communities geprägt und sich dort verfestigt. Wer diesen formalen Diskursen nicht entsprach, war schnell zum Außenseiter gestempelt, bestenfalls wurde er als Literat wahrgenommen. Friedrich Nietzsche ist das – wenn nicht früheste, so doch bekannteste – Beispiel eines Philosophen, der traditionelle Darstellungsformen des europäischen Philosophierens aufgebrochen hat. Ohne hier einen direkten Zusammenhang herstellen zu wollen: Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass gerade 1858 Die Philosophie in den Sprichwörtern von Carl Prantl (s. Beitrag Kimmerle S. 56) erschienen ist. Auch wenn dieses Buch nicht interkulturell motiviert ist, zeigt es doch ein Bewusstsein für ein kulturelles Gedächtnis, das über die herrschenden akademischen Paradigmen hinausgeht. Insoferne steht der Themenschwerpunkt dieser polylog-Ausgabe auch den Institutionen des Philosophierens kritisch gegenüber und fordert auf, deren Rituale zu hinterfragen.
Die Beiträge dieser Nummer liefern – wie wir meinen: interessante – Einblicke in die Diskussion rund um Darstellungsformen von Philosophien in verschiedenen kulturellen Kontexten. Die Autoren nehmen auch Bezug auf das Spannungsfeld, das zwischen der jeweiligen Sichtweise und der abendländischen Tradition aufgespannt ist, und versuchen in diesem zu vermitteln. Der erste Beitrag von Anand Amaladass greift die Frage der Darstellungsform des Philosophierens ganz explizit auf und beschreibt die Herausforderungen an das Verstehen mit besonderem Fokus auf die indische Tradition. Zwar ist die Untrennbarkeit von Religion und Philosophie – Mythos und Logos – in der indischen Tradition ein viel diskutiertes Thema, doch dieser Beitrag zeigt klar die Wichtigkeit der Form – nicht nur für das Philosophieren, sondern auch für das Lernen und Verstehen. Ausgehend von der Idee, dass die Menschen alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zum Philosophieren verwenden können, weist Amaladass auch auf die Bedeutung von Tanz und Spiel und ihren Konsequenzen für eine Interpretation hin.
Rolf Elberfelds Text bespricht die Sprach- und Textpragmatik in Ostasien und entwickelt die Idee einer transformativen Phänomenologie. Diese Spielart der Phänomenologie fokussiert auf vordergründig philosophiefremde Motive wie »Übung« und »Bewegung«, die allerdings in der ostasiatischen Philosophie eminent wichtig sind. Auch hier geht es um Texte, allerdings nicht in dem Sinn, dass sie als Ergebnisse anzusehen wären. Sie werden zu »Übungsspuren der Selbst- und Welterklärung« (Elberfeld, S. 45). Konkret erklärt das der Beitrag anhand der Textpragmatiken von Dogen und Nishida. Während Elberfeld Dogens nicht-substanzialisierende Sprachpragmatik herausarbeitet, zeigt er, wie Kitaro Nishidas Textpragmatik der alten japanischen literarischen Gattung des Zuihitsu (»dem Pinsel folgen«) entspricht. Schreiben ist – in diesem Sinne verstanden – eine mediale Aktionsform des Verbs. Somit wäre der oder die Schreibende nicht einfach aktiv, und das, was geschrieben wird, nicht einfach passiv: Schreiben in Aktion tritt vielmehr hervor »›von selbst‹ [...] als ein Resonanzgeschehen aller beteiligten Momente. Dort gibt es kein eindeutiges ›Ich‹ als Subjekt, von dem die Tätigkeit zielgerichtet ausgeht, dieses ›Ich‹ findet sich vielmehr im Vorgang selbst immer wieder neu.« (Elberfeld, S. 39)
Der Beitrag von Heinz Kimmerle reflektiert eine der bekanntesten Diskussionen um die Darstellungsform in der interkulturellen Philosophie: die der afrikanischen Philosophie, insbesondere der traditionell mündlich weitergegebenen »Sage Philosophy«. Jedoch geht dieser Beitrag weit über die oft gestellte Frage, ob mündliche Philosophie einfach verschriftlicht werden kann, hinaus. Kimmerle setzt sich mit der für das interkulturelle Philosophieren unausweichlichen Frage der Übersetzungsfunktion auseinander. Aufgrund der Kolonialgeschichte des Kontinents ist die Erhaltung und Wertschätzung lokaler Sprachen ein besonders kritischer Punkt und ein Mittel für Philosophinnen und Philosophen, sich aus kolonialen Zwängen zu befreien. Der Schwerpunkt in diesem Beitrag liegt in der Behandlung von Sprichwörtern, die – wie der Autor zeigt – eine wichtige Rolle für das Philosophieren in einigen afrikanischen Kulturen spielen. Die wertvollen Eigenschaften der Sprichwörter sind ihre Überzeugungskraft und Bildhaftigkeit, die bei einer Übertragung in andere Sprachen oft verloren gehen.
Während die anderen Texte sich vornehmlich auf die Spannung zwischen textuellen und anderen sprachlichen Formen beziehen, stellt Jan Assmann das Bild – im Kontext des alten Äyptens – in das Zentrum seiner Analyse. Er betont die »ideogrammatische« Funktion und die realistische Bildhaftigkeit der Hieroglyphen. Die Dinge und die Zeichen: Was das Herz, so Assmann, meint – res –, drückt der Mund aus: signa. Insoferne erweisen sich die Hieroglyphen als Vorläufer des Symbolbegriffs der griechischen Antike; das Zusammenfallen bzw. -werfen zweier vermeintlich verschiedener Dinge, die sich im Akt des Zusammenwerfens als in ihrer Gestalt als ursprünglich zusammengehörig erweisen – und dem diesen Akt Beobachtenden eine Erkenntnis verschaffen. Auch das res-verba-Problem der römischen Rhetorik hängt damit zusammen: Es gibt eine Phänomenwelt nur in und mit der Sprache, nicht vor ihr. Somit hängt alles an der Form der – sprachlichen – Darstellung. Die Welt, die Schöpfung »ist ein Akt der Artikulation: gedanklich, ikonisch und phonetisch« (Assmann, S. 76) Deswegen sind die Hieroglyphen »eine Schrift, in der die höchsten religiösen Geheimnisse zugleich überliefert und verhüllt werden« (Assmann, S. 77). Das Zusammenfallen von Gemeintem und Gesagtem in der entsprechenden Form kann also auch verbergend wirken.
Es ist genau diese Spannung zwischen Offenlegung, Mitteilung und Verhüllen durch in den Konext eingebettete Elemente, die sich in allen Texten widerspiegelt und die die größte Herausforderung für die Akzeptanz anderer philosophischer Darstellungsformen enthält.