Anke Graneß & Nausikaa Schirilla

Einleitung

Diese polylog-Nummer widmet sich einem Thema, das sich im Moment durch seine Brisanz und Popularität auszeichnet: die Entwicklungen in der Gentechnik, insbesondere im Bereich der Humangenetik, und die daraus resultierenden neuen ethischen Herausforderungen. Die Gentechnik umfasst Verfahren und Methoden zur Erforschung und Veränderung der molekularen Grundlagen der Vererbung (Gene, DNS). Die heutige Möglichkeit, in die Grundlagen allen Lebens und dessen Ursprung direkt einzugreifen, z.B. durch das Entfernen oder Hinzufügen von DNS-Abschnitten oder dadurch, dass der Zellkern einer Zelle (z.B. einer Hautzelle) eines erwachsenen Individuums in eine vorher entkernte Eizelle von Tieren (oder menschlichen Eizellspenderinnen) eingebracht werden kann (Klonen), greifen das bisherige Menschenbild und die damit verbundenen ethischen Vorstellungen in ihren Wurzeln an und machen es notwendig, neue Regeln im Umgang mit diesen neuen Möglichkeiten festzulegen.
Bei uns in Europa ist die Diskussion um pro und contra Gentechnik in vollem Gange. Befürworter und Gegner halten sich mit ihren Argumenten die Waage, generell ist in der Bevölkerung jedoch eher eine Skepsis gegenüber den neuen Möglichkeiten der Gentechnologie, z.B. gegenüber dem Klonen oder der Stammzellforschung zu verzeichnen. Gerade die Frage des Umgangs mit Embryonen und die damit verbundene Frage, von welchem Zeitpunkt an menschliches Leben schützenswert ist, stehen dabei im Mittelpunkt. Aber auch der Einsatz der Gentechnik auf landwirtschaftlichem Gebiet wird aufgrund der bisher noch unabschätzbaren Folgen für die Natur eher kritisch bewertet. Um einen Konsens in diesen wichtigen Fragen zu finden, wurden verschiedene Ethikkommissionen gegründet und neue gesetzliche Grundlagen, vor alllem zum Schutz von Embryonen, geschaffen.
    Allerdings ist auch in dieser Debatte zu verzeichnen, dass Stimmen aus dem außereuropäischen Kontext wenig wahrgenommen werden. Das ist bei der originären Interkulturalität / Internationalität dieses Themas besonders erstaunlich, denn ein großer Teil der Forschung auf diesem Gebiet findet außerhalb der westlichen Technologiezentren, z.B. in Indien, China oder Japan statt. Hier werden im Rahmen einer anderen Wissenschaftskultur und eines anderen Rechtssystems bereits wissenschaftliche Fakten geschaffen, die genauso in Betracht zu ziehen sind wie die dortigen Rahmenbedingungen der Forschung bzw. deren weltanschauliche Hintergründe.
Und nicht zuletzt: auch im europäischen Kontext ist die Meinungsvielfalt weit größer als die Diskussion, die momentan entlang der Front zwischen »christlich-fundamentalistischen« und »liberalen« Vorstellungen verläuft, es widerspiegelt. Denn auf keinen Fall dürfen hier, wo es um einen generellen Meinungsbildungsprozess mit dem Ziel einer global akzeptierten Lösung geht, die Stimmen der moslemischen oder jüdischen Gemeinden vergessen werden, um nur zwei der vielen weiteren religiösen Gemeinden in Europa zu nennen.
Diese polylog-Nummer versucht nun, den Blick auf die Diskussionen außerhalb des abendländischen Rahmens zu lenken.
Als einleitender Beitrag wurde Jens Schlieters Artikel zum Thema »Bioethik, Religion und Kultur aus komparativer Sicht: Zur Bedeutung und Methodik einer neuen Fragestellung« ausgewählt. Schlieters Beitrag weist auf die Notwendigkeit und die Schwierigkeiten der Ausarbeitung kulturübergreifender bioethischer Standards hin und damit auf die Kernfrage der Diskussion zur Bioethik: Wie kann ein globaler Konsens in diesen für die Zukunft der Menschheit entscheidenden Fragen gefunden werden bzw. können die unterschiedlichen kulturellen Auffassungen zu dieser Thematik überhaupt vereinheitlicht werden?
Im Anschluss werden Diskussionen aus vier verschiedenen Regionen/Religionen vorgestellt, die die Breite der sehr unterschiedlichen Auffassungen zum Ausdruck bringen:

Klonen und Fortpflanzungstechnologie aus jüdischer Sicht (Byron L. Sherwin)
Die neuen bioethischen Probleme aus der Sicht des Islam (Ilhan Ilkilic)
Humangenetik und die Āyurveda-Tradition in Indien (Interview mit Karin Preisendanz)
Der kamerunische Philosoph Godfrey Tangwa über Gentechnologie und moralische Werte.

Im Vergleich der Beiträge wird deutlich, dass Gentechnik in anderen Kulturen und Religionen z. T. andere Fragen aufwirft als die bei uns im Mittelpunkt stehenden und eine eher positivere Sicht auf die Gentechnik vorherrscht. So werden die neuen Möglichkeiten der Fortpflanzungstechnologie z.B. im Islam grundsätzlich positiv bewertet, da Kinder ein wichtiges religiöses und kulturelles Gut darstellen. Wichtig ist hier allerdings die strikte Einschränkungen aller Formen der Reproduktion auf verheiratete Paare und die Einhaltung der Abstammungslinie (vgl. Beitrag Ilkilic).
Auch im Judentum ist die Beachtung der Abstammung von großer Bedeutung, wird die Religion doch über die Mutter weitergegeben. Insofern werden hier vorrangig Fragen diskutiert zur Stellung der biologischen und sozialen Mutter bzw. zur Rechtmäßigkeit der Trennung von sozialer und biologischer Mutter. Da ein wichtiges Gebot der Heiligen Schrift die Heilung und Rettung von Leben ist, ist die jüdische Ethik der Gentechnologie jedoch generell sehr positiv gegenüber eingestellt (siehe Sherwin).
Wesentlich kritischer steht der afrikanische Philosoph Godfrey Tangwa der Gentechnik gegenüber. Tangwa macht nicht nur auf die Risiken der Technologie und die Notwendigkeit des Schutzes der Biodiversität aufmerksam, sondern verweist auch auf das Ungleichgewicht bezüglich der Möglichkeiten der Nutzung bzw. Mitbestimmung über die Nutzung der neuen Technologien in den Ländern der Dritten Welt.
Als sechsten und letzten Beitrag haben wir eine feministische Perspektive auf dieses Thema gewählt, den Beitrag »Biomacht Ökonomie: Zirkulierende Körperstoffe, zirkulierende Körper-Daten« von Petra Gehring. Gehring macht nicht nur darauf aufmerksam, dass sowohl die Gentechnik als auch die Diskussion darum wiederum zum großen Teil auf dem Körper der Frau ausgetragen werden, sondern weist zudem auf ein neues Phänomen hin: auf eine wertschöpfende Zirkulation von Körpersubstanzen und -daten mit dem Ziel der Nutzbarmachung und Steigerung des biologischen Lebens, vor allem in Form von Gewinnung von Lebenszeit. Die damit einhergehende Entgrenzung der individuellen Leiblichkeit wird von ihr kritisch betrachtet.
Natürlich gibt auch diese Nummer des polylog keine abschließenden Antworten auf die großen philosophischen Herausforderungn der Gentechnik. Das ist auch nicht das Ziel. Vielmehr soll polylog wiederum als ein Forum für Stimmen dienen, die im vorherrschenden Diskurs wenig oder gar nicht wahrgenommen werden. Und es soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass es zu global verbindlichen Lösungen nur dann kommen kann, wenn auch diese Stimmen gehört werden.
Wer Interesse an diesem Thema gefunden hat, kann im Rezensionsteil dieser Nummer einige Buchtipps finden. Ein breiter Diskurs über Möglichkeiten und Grenzen bzw. die Gefahren der Genforschung findet heute jedoch vorrangig im Internet statt. Deshalb sei in der Marginalspalte auf einige wichtige deutsche Internetseiten hingewiesen, die sich dieser Thematik widmen.