polylog Nr. 22 (2009): SINNESKULTUREN

Redaktion: Karl Baier und Mădălina Diaconu

Zusammenfassungen—deutsch


Adolfo Ramos Lamar, Fabio Zoboli und Miguel Angel Garcia Bordas: "Körper, Mimesis und Interkulturalität." 3-14.

Adolfo Ramos Lamar, Fabio Zoboli und Miguel Angel Garcia Bordas entwickeln das Konzept einer sich auf dem Weg von Mimesis kulturell stets neu formierenden Leiblichkeit. In ihrem Ansatz verbinden sie europäische Konzepte wie Merleau-Pontys Phänomenologie, kulturanthropologisch orientierte Erziehungstheorie (Wulf, Gebauer) und Foucault mit lateinamerikanischen Forschungen (Sérgio, Del Priore u. a.). Vor diesem Hintergrund wird ein kritischer Blick auf den brasilianischen Schönheitskult geworfen, der mittlerweile bereits im Kinderzimmer angekommen ist.


Vibha Surana: "Indische Sinnesfelder in Alltag, Kunst und Philosophie." 15-24.

Volltext: http://www.polylog.net/fileadmin/docs/polylog/22_thema_Surana.pdf

Vibha Surana skizziert in einem Durchgang durch die einzelnen Sinne die ungeheure Vielfalt der indischen Sinneswelten und -Theorien und kontrastiert sie mit Philosophie und Alltagserfahrung aus Europa. Ihr Anliegen ist es, angesichts eines hochtechnisierten und beschleunigten Alltags von indischer Seite Impulse für eine ausgewogene Bildung der Sinne zu geben, die im Sinne Herders zur Entfaltung der Humanität beiträgt.

Ernst Fürlinger: "Theorie und Praxis der Sinne im nichtdualistischen Śivaismus von Kaschmir." 25-34.

Ernst Fürlinger erforscht Theorie und Praxis der Sinne im Tantrismus, wo die konstatierte Polarität von philosophisch-theologischer Abwertung der Sinne und kultureller Sinnesfreudigkeit, die in vielen Traditionen anzutreffen ist, auf beachtenswerte Weise überwunden wird. Wie die gesamte phänomenale Wirklichkeit gilt im nichtdualistischen Tantrismus auch die Kraft der Sinne als Gestalt der absoluten Wirklichkeit, die sich freilich auf einer groben, subtilen und höchsten Ebene unterschiedlich manifestiert, entsprechend dem Grad der Achtsamkeit und der inneren Beteiligung des Wahrnehmenden.


Fabian Heubel: "Aisthetik oder Transformative Philosophie und Kultur der Fadheit." 35-53.

Fabian Heubel interpretiert den subtilen Umgang mit den Sinnen in der chinesischen Literatenkultur. Er prägt dafür den Begriff »Aistethik«, der besagt, dass es sich hierbei um ästhetische Übungsformen handelt, die zugleich ins Ethische gewendet werden können. Heubel entwickelt seine Interpretation anhand einer differenzierten kritischen Auseinandersetzung mit François Julliens philosophischer Deutung der chinesischen Kultur. Die chinesische Kultivierung der Sinne, wie er sie beschreibt, geht nicht von einer Unterdrückung, sondern von der Verfeinerung der Sinne als Weg der Aufdeckung der im Alltagsbewusstsein verschütteten spirituellen Erfahrung aus.